Full text : Preußische Geschichte. Dritter Band. (3)

III.  Unter  dem  Zwange  der  Okkupation.  453

lassen,  so  daß  Eigentum  und  Verwaltung  dem  preußischen
Staate  blieben.  Aber  Napoleon  wollte  keine  Verständigung,  die
der  Okkupation  ein  Ende  gemacht  hätte.  Daher  überreichte
Daru,  der  inzwischen  —  ohne  Rücksicht  auf  des  Königs  Anwesenheit
  in  diesem  Gebiete  —  die  Verwaltung  auch  in  Ostund
  Westpreußen  bis  zur  Passarge  in  Besitz  genommen  hatte
(25.  Oktober),  eine  Sommation,  welche  die  Zahlung  der  einen
Hälfte  der  Kriegsschuld  durch  Cession  von  Domänen  forderte,  für
die  andere  als  Pfand  aber  zu  Stettin,  Küstrin  und  Glogau  auch
noch  Grandenz  und  Kolberg  verlangte,  deren  jedes  8000  Mann
auf  Kosten  Preußens  halten  sollte.  Das  allein  erforderte  40  Millionen
  jährlich,  das  heißt  zwei  Drittel  des  Gesamtertrages,
den  die  prenßischen  Staatseinkünfte  günstigsten  Falls  erreichten.
In  dieser  entsetzlichen  Lage  beschloß  der  König,  durch  seinen
Bruder  Wilhelm  einen  letzten  Versuch  bei  dem  Kaiser  selbst  zu
machen.  Mit  seiner  Gemahlin  Marianne  von  Hessen-Homburg,
einer  begeisterten  Verehrerin  Steins,  rüstete  sich  der  Prinz  zur
Reise,  mit  ihm  der  in  Paris  nicht  bloß  bei  den  Gelehrten  wohl
angesehene  Alexander  v.  Humboldt.  Die  Vorschläge  wegen  der
Tilgung  der  Kriegsschuld  zur  Annahme  zu  bringen,  sollte  er
auch  ein  Schutz=  und  Trutzbündnis  anbieten,  das  Preußen  verpflichtete,
  Frankreich  in  allen  kontinentalen  Kriegen  bis  zu
30  000,  ja  40  000  Mann  zu  stellen.  Aeußersten  Falls  wollte  der
König  sogar  dem  Rheinbund  beitreten.  Auch  vollzog  er  jetzt
den  zu  Tilsit  zugesagten  Bruch  mit  England,  indem  er  den
englischen  Gesandten  zur  Abreise  veranlaßte.  Auch  gegen
Schweden  hatte  er,  ohne  dazu  verpflichtet  zu  sein,  thatsächlich
die  Sperre  verhängen  müssen.

Die  Hoffnung  auf  einen  Erfolg  Prinz  Wilhelms  gründete
sich  auf  die  Annahme,  das  Drängen  des  Zaren  werde  die  zu
Tilsit  geplante  Aufteilung  der  Türkei  in  Gang  bringen  und
bei  solchen  territorialen  Aenderungen  für  Preußen  wenigstens
ein  Teil  der  verlorenen  Provinzen  wieder  zu  erlangen  sein.
Man  ahnte  nicht,  daß  Napoleon  vielmehr  eine  Vergrößerung
Rußlands  kompensiert  sehen  wollte  durch  die  Abtretung  Schlesiens
  an  Sachsen.  Wohl  blieben  Preußen  dann  nur  zwei  Millionen
  Einwohner:  doch  reiche  das  hin,  meinte  ein  französischer