Contents : Im alten Reichstag. Band I. (1)

122  Session  1875/76.

Kriegsminister  v.  Kameke  war  ein  sehr  aufmerksamer  Zuhörer
  bei  meiner  Rede.  Seine  Pantomimen  dabei  bekundeten  mir,
daß  ich  mich  auf  einer  richtigen  Fährte  befand.  Im  Verlauf  der
nächsten  Jahre  kamen  auch  noch  weit  mehr  Millionen  aus  der
Kriegsentschädigung  zum  Vorschein,  als  ich  in  dieser  Rede  vorausgesetzt

  hatte.
Fir#tt  Bimars#  erscheint.

Zwei  Tage  darauf  war  Fürst  Bismarck  in  Berlin  und  im

Reichstage.  Ich  hatte  in  meiner  Etatsrede  auch  erwähnt,  daß  der
einzige  verantwortliche  Minister,  der  Reichskanzler,  nicht  in  Berlin
sei.  Ich  sprach  dabei  auch  von  dem  „nythischen  Sagenkreise“,
der  den  abwesenden  Reichskanzler  umgebe.
Als  ich  am  22.  November  zur  Sitzung  ging,  in  welcher  die
erste  Beratung  der  neuen  Steuergesetze  stattfinden  sollte,  begegneten
mir  unterwegs  Kollegen,  welche  erzählten,  der  Reichskanzler  sei  angekommen
  und  beschäftige  sich  soeben  mit  meiner  Person.  So  war
es  in  der  That.

Fürst  Bismarck  suchte  seine  bisherige  Abwesenheit  zu  entschuldigen,
  indem  er  sich  zunächst  gegen  meine  Ausführungen  in
der  Etatsdebatte  wandte.  Ich  trüge  wesentlich  dazu  bei,  das  an
und  für  sich  mühsame  und  angreifende  Geschäft  einer  ministeriellen
Erxistenz  noch  zu  erschweren,  und  wenn  infolge  dessen  einer  krank

wird,  so  müßte  ich  gegen  denselben  etwas  nachsichtiger  sein.

„Ich  kann,  ich  will  nicht  sagen  einen  Trost,  aber  eine  Genugthuung
  finden  in  der  Hoffnung,  daß,  wenn  Abg.  Richter  einmal,  wie
ich  von  seinen  Anlagen  überzeugt  bin,  in  einer  ähnlichen  ministeriellen
  Existenz  sich  befindet,  er  auch  seinen  Richter  finden
wird.  (Große  Heiterkeit.)  Mag  er  denselben  dann  in  derselben
Weise  wie  ich,  ohne  Bitterkeit  und  mit  Anerkennung  des  sachlich
Wertvollen  und  Verdienstvollen  in  einer  sachlichen  Opposition  beurteilen“
  u.  s.  w.

Wie  sich  schon  aus  Vorstehendem  ergiebt  und  auch  der  weitere
Verlauf  der  Rede  darthat,  trat  der  Reichskanzler  nichts  weniger
als  heftig  und  schroff  auf,  sondern  nahm  mit  mehr  oder  weniger
Humor  die  Situation  an,  wie  sie  geworden  war.  Fürst  Bismarck
hätte  auch  auf  keine  Weise  das  in  betreff  der  Steuervorlagen
schon  zwei  Tage  vorher  verlorene  Treffen  wiederherstellen  können.

Auch  hatte  Minister  Camphausen  bereits  bei  der  ersten
Etatsberatung  förmlich  den  Rückzug  angetreten  durch  die  Erklärung,
daß  die  Regierung  mit  Ruhe  eine  Ablehnung  der  Steuervorlagen
hinnehmen  werde.  Er  erblicke  keinen  Gegensatz  zwischen  der  Vertretung
  des  Reiches  und  zwischen  den  verbündeten  Regierungen.