32 Mar Schasler. (304
bereitender Prüfungskurfus, nach dessen Ausfall erst über die Fesntie
Aufnahme in die Anstalt und die Zulassung zu den eigentlichen Lehrfächern
zu beschließen ist. Nun haben zwar viele unserer Kunstlehranstalten sogenannte
„Vorbereitungsklassen“; ob aber ihre Einrichtung und ihr Zweck
der hier aufgestellten Forderung einer gewissenhaften Prüfung der Begabung
nach beiden Richtungen hin genügend entspricht, ist eine andere Frage, die
später ihre Erledigung finden wird.
2. Die allgemeine Vorbildung.
Wir können hiermit die vorläufige Betrachtung über die Frage der
„Begabung"“, als natürlicher Veranlagung, abschließen, um zu dem zweiten
Element der künstlerischen Ausbildung, zur allgemeinen Vorbildung,
überzugehen. Die Arbeit setzt nämlich, wie schon bemerkt, wenn sie wirklich
erfolgreich sein soll, nicht nur die Begabung, sondern auch ein gewisses
Maß geistiger Entwickelung voraus, welches nur durch eine allgemeine
Vorbildung zu erreichen ist. Ohne diese beiden Bedingungen ist alles
Studium, alle technische Uebung, kurz alle Arbeit nicht nur zweck- und erfolglos,
sondern geradezu ruinirend; letzteres nämlich nicht nur der Zeitverschwendung
halber, sondern auch, weil eine, wenn auch noch so kurze
und äußerliche Berührung mit dieser verführerischen Sphäre, welche man
„Kunst“ nennt, den angehenden „Künstler“ (falls er sich eben in seiner
Begabung getäuscht haben sollte) nur zu leicht für die Ergreifung irgend
eines anderen „praktischen“ Berufs mehr oder weniger unfähig macht:
man wandelt eben „nicht ungestraft unter Palmen“. —
Damit tritt uns abermals ein für die Nothwendigkeit vorhergehender
gewissenhafter Prüfung der künstlerischen Befähigung sehr ins Gewicht
fallendes Moment entgegen; denn wir dürfen uns nicht der bedenklichen
Reflexion entziehen, daß das Maß der allgemeinen Vorbildung, auf welches
sich heutzutage die große Mehrzahl aller sich der „Kunst“ widmenden
jungen Leute beschränken zu dürfen vermeint, schwerlich genügen dürfte, um
überhaupt einen zu folcher Selbsterkenntniß gelangten jungen Mann ohne
Weiteres für die Ergreifung einer anderen, dem Künstlerberuf in geistiger
Beziehung ungefähr gleichwerthigen Laufbahn zu befähigen. Die Ansprüche
find hinsichtlich des Umfangs der allgemeinen Vorbildung, selbst für rein
technische Berufsarten, gegenwärtig so gestiegen, daß es mehr als zweifelhaft
scheint, ob ein solcher junger Mann auch nur die Kenntnisse besäße,
um sich — ohne sozusagen wieder von vorn anzufangen — z. B. dem
Kaufmannsstande, dem Forst= oder Militärfache, geschweige denn einer,
wenn auch untergeordneten wissenschaftlichen Carrière widmen zu können.
Ja, es herrscht unter den Künstlern vielfach sogar das bequeme Vorurtheil,
daß jede positive, über die bescheidensten Elementarkenntnisse hinausgehende
Bildung zwar im Ganzen recht schön, im Grunde aber für die künstlerische
Ausbildung unnütz, unter Umständen sogar schädlich sei, weil sie die Entwickelung
des Verstandes auf Kosten der lebendigen Anschauung befördere
und dadurch nachtheilig auf „die freie Entfaltung des künstlerischen Genius“,
wie die beliebte Phrase lautet, einwirke. Man sehe hierin keine
Uebertreibung: jenes Vorurtheil geht mitunter so weit, daß man gerade