Full text : Staatsrecht, Völkerrecht und Politik. Dritter Band. (3)

556  Die  Arbeiterfrage.

der  Wohnungen,  zur  Herstellung  von  wohlfeilen  Speiseanstalten.  Alle  diese
Dinge  sind  sicherlich  in  ihrer  Art  nützlich,  vortrefllich  und  nothwendig,
und  es  unterliegt  keinem  Zweifel,  dass  wo  sie  in  ausreichendem  Maasse
bestehen,  und  namentlich  nicht  bloss  die  eine  oder  die  andere  derselben
sondern  alle  vereinigt,  sie  zur  Beseitigung  ciner  grossen  Masse  menschlichen
  Elendes  dienen  können.  Auch  ist  einleuchtend,  dass  darin  kein  Vorwurf
  gegen  dieselben  liegt,  weil  sie  nicht  den  Arbeitern  allein  nützen,  sondern
  überhaupt  den  ärmeren  und  unteren  Klassen.  Die  einem  Dritten
gewährte  Hülfe  vermindert  ja  den  Werth  der  selbstgenossenen  nicht.  Allein
man  darf  sich  darüber  nicht  täuschen,  dass  diese  Mittel,  einzeln  und  zusammen,
  keineswegs  vollständig  ausreichen  um  die  sämmtlichen  begründeten
Forderungen  der  Arbeiter  zu  befriedigen.  Alle  gemeinschaftlichen  Kassen
von  kleinen  Leuten,  seien  sie  Arbeiter  oder  nicht,  leiden  nothwendig  an
einem  Grundübel.  Aus  geringen  Beiträgen  können  sich  selbstredend  keine
bedeutenden  Summen  ansammeln;  cs  ist  also  bei  irgend  länger  dauerndem
oder  tief  eingreifendem  Missgeschicke  gar  keine  oder  nur  eine  unbedentende
  und  schnell  erschöpfte  Hülfe  durch  dieselben  zu  erlangen.  Bedeutende
Beiträge  aber  können  die  Arbeiter  nicht  geben,  da  in  der  Regel  ihr  Einkommen
  kaum  ausreicht  zur  Deckung  der  nothwendigsten  täglichen  Lebens
bedürfnisse.  Im  grossen  Ganzen  kann  man  also  wohl  sagen,  dass  solche
gemeinschaftliche  Kassen  erst  dann  an  der  Stelle  sind  und  von  bedeutender
Wirksamkeit  werden  können,  wenn  die  eigentliche  Frage  einer  besseren
Stellung  der  Arbeiter  gelöst  ist.  Dann  sind  die  erforderlichen  Bedingungen
zu  einer  genügenden  Ausstattung  derselben  vorhanden,  so  dass  ihre  Leistungen
  zur  Vervollständigung  und  Sicherstellung  der  jetzt  geschaffenen
besseren  Existenz  wirklich  dienen  können.  Die  sonstigen  von  Aussen  her
den  Arbeitern  gebotenen  Mittel  zur  Erleichterung  einzelner  Uebelstände
sind  aber,  wenigstens  bis  itzt,  ihrer  Zahl  und  Ausdehnung  nach  in  einem
höchst  untergeordneten  Verhältnisse  zum  Bedürfnisse.  Gerade  inden  grossen
Mittelpunkten  der  Gewerbethätigkeit,  wo  also  Tausende  und  vielleicht  Hunderttausende
  von  Arbeitern  und  Arbeiterfamilien  zusammengedrängt  sind,
reichen  diese  gut  gemeinten  Bemühungen  um  Kinderbewahranstalten,  gute
und  wohlfeile  Schulen  verschiedener  Art,  um  gutes  und  reichliches  Wasser,
um  gesunde,  reinliche  und  anständige  Wohnungen  und  Gelegenheiten  zu
unschädlicher  und  selbst  nützlicher  Erholung  auch  nicht  entfernt  an  das
Bedürfniss  heran.  Es  ist  nur  allzu  natürlich,  dass  die  Gönner  und  Veranstalter
  solcher  wohlthätiger  Einrichtungen  die  quantitative  Bedeutung  und
Tragweite  derselben  überschätzen.  Je  mehr  sie  sich  denselben  widmen  und
vielleicht  in  deren  Gedeihen  ganz  aufgehen,  desto  grösser  kommt  ihnen
der  erreichte  Erfolg  vor  und  in  der  sehr  begreiflichen  Freude  über  denselben
  vergessen  sio  sich  umzusehen,  der  wie  vielte  Theil  des  wirklich  vor-