Metadaten : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

III.  Der  Konflitt.  391

doch  an  maßgebender  Stelle  gemacht  hatte.  Trotzdem  griffen
immer  weitere  Kreise  mit  scharfen  Demonstrationen  gegen  die
Regierung  in  den  politischen  Parteikampf  ein,  Magistrate,
Stadtverordnete,  Wahlmänner=  und  Urwählerversammlungen
und  das  nicht  selten  willkürliche  und  selbst  gesetzwidrige  Einschreiten
  der  Verwaltungsbehörden  dagegen  reizte  und  erbitterte
  nur  immer  mehr,  und  auch  die  Art,  wie  die  Massen
die  Führer  der  Opposition  feierten,  zeigte  gelegentlich,  daß
die  Leidenschaft  des  Kampfes  mit  der  politischen  Moral
auch  das  staatliche  Pflichtgefühl  zu  untergraben  anfing.  Das
Band,  das  Volk  und  Duynastie  einte,  schien  bereits  ernstlich
  gelockert.  Für  die  deutsche  Politik  Bièmarcks  aber,  die
eben  damals  in  der  Abwehr  der  österreichischen  Reformpläne
  sich  zu  entfalten  begann,  hatte  man  nur  Hohn  und
Spott.

In  der  Meinung,  darin  Wandel  zu  schaffen  und  von
da  aus  auch  der  inneren  Schwierigkeiten  Herr  werden  zu
können,  löste  Bismarck  am  2.  September  das  Abgeordnetenhaus
  auf.  Die  Neuwahlen  aber,  so  räcksichtölos  Graf  Eulenburg
  zu  gunsten  der  Regierung  auf  sie  einwirkte,  änderten  an
der  Lage  nichts.  Vergeblich  bot  Bismarck  auch  die  von
Ferdinand  Lassalle  zur  Vertretung  ihrer  Standesinteressen
organisierten  Arbeiter  gegen  das  fortschrittliche  Bürgertum
auf,  während  er  dessen  namentlich  dem  Richterstand  angehörige
Vorkämpfer  aus  der  Volksvertretung  zu  beseitigen  suchte,  indem
er  sie  durch  den  Justizminister  v.  d.  Lippe  zur  Tragung  der
Kosten  für  ihre  Stellvertretung  heranziehen  ließ.  Maßregelungen,
Strafversetzungen  und  Chikanen  aller  Art  gegen  die  Männer
der  Opposition  waren  an  der  Tagesordnung  wie  nur  je  unter
Manteuffel.  So  folgte  der  Eröffnung  der  Kammern,  von
denen  das  Abgeordnetenhaus  nur  37  Anhänger  der  Negierung
zählte,  am  0.  November  trotz  des  in  der  Thronrede  ausgesprochenen
  Wunsches  nach  Verständigung  sofort  die  Erneuerung
der  alten  aussichtolosen  Kämpfe.  Nur  die  Preßverordnung
freilich  mußte  nun  aufgehoben  werden.  Bismarcks  Absicht
aber,  mit  Hilfe  der  wieder  in  Fluß  kommenden  schleswigholsteinischen
  Frage  Preußens  europäische  Stellung  zu  sichern