Full text : Der Fehlspruch von Versailles.

-  -  ee  nn  ne  nee  nie  une  nn  nn  nme

matische  Niederlage  des  Zarenreiches  gewertet  worden  waren.  Für  den
Panslawismus  und  die  ehrgeizigen  Männer,  die  sich  seiner  für  ihre  Zwecke
zu  bedienen  wußten,  war  es  eine  auf  die  Psyche  der  russischen  Massen
ausgezeichnet  berechnete  Maßregel,  die  Bismarcksche  Politik  als  die
Hauptursache  jener  russischen  Niederlage  hinzustellen.  So  berichtet  der
belgische  Gesandte  zu  Berlin  am  17.  März  1882:  „Deutschland  darf  sich
nicht  verhehlen,  daß  der  Panslawismus  in  dem  Vertrage  von  Berlin
eine  Niederlage  erblickt,  daß  er  daran  arbeitet,  sich  dafür  eine  Revanche
zu  schaffen.‘  Graf  Ignatieff  sei  der  Vertreter  dieser  deutschfeindlichen
Politikt).

Einen  Monat  später  berichtet  der  belgische  Gesandte  aus  der  deutschen
  Reichshauptstadt,  daß  in  Berlin  immer  mehr  die  Meinung  aufkomme,
  ein  Krieg  mit  Rußland  sei  fast  unvermeidlich,  wenn  er  auch
infolge  der  Verehrung  des  Zaren  für  seinen  85  Jahre  alten  Großonkel
vielleicht  vorläufig  noch  aufgeschoben  werde.  Die  finanzielle  Lage
Rußlands  sei  zu  schwierig  und  die  Verlegenheiten  seiner  inneren  Politik
zu  groß;  das  mache  sich  der  Panslawismus  zunutze,  errege  deshalb  den
Rassenfanatismus  und  wolle  einen  Krieg  herbeiführen,  von  dem  er  die
soziale  und  politische  Wiedergesundung  des  Reiches  erwarte.  Diese
Gedankengänge  seien  durch  die  Reden  des  Generals  Skobeleff,  zu  denen
Fürst  Gortschakoff,  der  Minister  des  Äußeren,  seine  Zustimmung  gegeben
habe,  aller  Welt  offenbar  geworden.  An  einem  Kriegsgrunde  könne  es
niemals  fehlen.  Rußland  werde  ihn  in  Konstantinopel  oder  irgendwo
auf  dem  Balkan  zu  jeder  ihm  genehmen  Zeit  finden?).

Daß  die  Lage  der  Dinge  auf  dem  Balkan  schon  damals  ungewöhnlich
große  Gefahren  für  die  Aufrechterhaltung  des  europäischen  Friedens
barg,  wird  von  dem  belgischen  Gesandten  zu  Wien  zu  etwa  gleicher  Zeit
mit  Nachdruck  zum  Ausdruck  gebracht.  Ihm  scheint  ein  Krieg  zwischen
Österreich  und  Rußland  auf  die  Dauer  fast  ebenso  unvermeidlich,  wie
es  der  französisch-deutsche  Krieg  gewesen  sei:  „Die  Haltung  Österreichs
auf  der  Balkanhalbinsel  läßt  nur  allzuviele  Zusammenstöße  und  Verwicklungen
  zwischen  diesem  Reiche  und  den  benachbarten  slawischen
Staaten  voraussehen.  Die  österreichische  Herrschaft  über  Bosnien  läßt
sich  nur  befestigen,  wenn  es  tatsächlich  eine  Vorherrschaft  auch  über
Serbien  und  Montenegro  ausübt.  Aber  könnte  Rußland  diese  österreichischungarische
  Hegemonie  über  slawische  Bevölkerungen  zulassen,  ohne
seiner  herkömmlichen  Mission  untreu  zu  werden?  Es  ist  schwer  einzusehen,
  wie  eine  dauerhafte  Übereinstimmung  zwecks  endgültiger  Lösung
des  orientalischen  Problems  geschaffen  werden  könnte.‘‘3)  --  Dieser  Gegensatz
  zwischen  den  beiden  Kaiserreichen  Osteuropas  hat  schließlich  1914
den  Weltkrieg  entfesselt.  Deutschland  aber  war  mit  seinem  Bundesgenossen
  auf  Leben  und  Tod  zusammengeschweißt!  —

I)  Berlin,  17.  März  1882  (Bd.  V,  S.  36).

?2)  Berlin,  22.  April  1882  (Bd.  V,  S.  36).

»)  Wien,  2.  März  1882  (Bd.  V,  S.  37).