Full text : Medizinal-Statistische Mittheilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte. Vierter Band. (4)

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betrug  die  Zahl  der  Oberämter,  in  welchen  der  Oberamtsarzt  allein  die  öffentlichen  Impfungen
vornahm,  mehr  als  ⅜¾  aller  Oberamtsbezirke.  Unter  der  Gesammtzahl  von  113  (im
Vorjahr  122)  Impfärzten  befanden  sich  64  (64)  Oberamtsärzte,  35  (38)  sonstige  approbirte
Aerzte,  14  (20)  niedere  Wundärzte.  Die  im  Vorjahr  gegen  früher  etwas  vermehrte  Zahl
der  Erstimpfungen,  welche  als  Privatimpfungen  ausgeführt  wurden  (4126  d.  i.  81  %  aller
Erstimpfungen),  hat  sich  im  Berichtsjahre  wieder  auf  4  004  d.  i.  7,7  ,  die  der  Privatwiederimpfungen
  von  709  oder  1,5  %  auf  587  d.  i.  12  %  ermäßigt.  In  Mecklenburg-Schwerin
  und  Waldeck  waren  die  meisten  Impfärzte  nicht  beamtet.

Die  Impflisten  wurden  fast  durchweg  ordnungsgemäß  geführt.

Witterungseinflüsse  haben  den  Gang  des  Impfgeschäfts  in  den  meisten  Bundesstaaten
  nur  wenig  oder  gar  nicht  gestört.  In  Württemberg  wurden  zu  Anfang  Mai
einige  Termine  wegen  starker  Schneestürme  verlegt;  ebendort  wurde  das  Impfgeschäft  verschiedentlich
  wegen  der  um  die  Mitte  des  Juni  unvermittelt  einsetzenden  heißen  Witterung
vorzeitig  abgebrochen.

Das  Auftreten  ansteckender  Krankheiten  hat  in  zahlreichen  Fällen  Verlegungen
von  Impfterminen  und  vorläufige  Befreiungen  einzelner  Impfpflichtiger  von  der  Impfung
erforderlich  gemacht.  Besonders  häufig  werden  in  den  Berichten,  u.  a.  in  denen  aus  Preußen,
Bayern,  Königreich  Sachsen,  Württemberg,  Baden,  Sachsen-Weimar  und  Mecklenburg-Strelitz,
Epidemien  von  Masern  und  Keuchhusten  als  Ursachen  solcher  Störungen  erwähnt.  Ein
vollständiger  Ausfall  von  Impfterminen  erfolgte  wegen  verschiedener  derartiger  Krankheiten
  in  Preußen  in  je  1  Orte  der  Reg-Bezirke  Oppeln,  Kassel,  Gumbinnen,  Potsdam,
Osnabrück,  Lüneburg  und  Koblenz,  ferner  wegen  Diphtherie  und  Masern  in  je  7,  wegen
Keuchhusten  in  1  Impfbezirk  von  Mecklenburg-Schwerin,  wegen  Masern  und  Keuchhusten  in
1  Impfbezirk  von  Mecklenburg-Strelitz.  Andererseits  wurde  im  Kreise  Lehe  des  Regierungsbezirks
  Stade  wegen  des  unablässigen  Ab=  und  Zugangs  von  Personen  aus  Russisch=  und
Oesterreichisch-Polen  aus  Besorgniß  des  Ausbruchs  der  Pocken  trotz  des  Auftretens  von
Masern,  Scharlach  und  Keuchhusten  das  Impfgeschäft  durchgeführt,  wobei  jedoch  Kinder  aus
verseuchten  Häusern  zu  den  Terminen  nicht  zugelassen  wurden.  In  einem  Impfbezirk  des
Kreises  Schmalkalden  wurde  ein  Impftermin  abgehalten,  obwohl  der  Keuchhusten  unter  den
Kindern  verbreitet  war,  da  der  Impfarzt  von  der  Epidemie  nicht  Kenntniß  erhalten  hatte.
Uebertragungen  der  erwähnten  Krankheiten  sollen  jedoch  in  den  beiden  letztbezeichneten  Fällen
gelegentlich  des  Impfgeschäftes  nicht  erfolgt  sein;  auch  aus  anderen  Orten  des  Reiches  sind
derartige  Vorkommnisse  nicht  bekannt  geworden.

Die  Impftechnik.  Die  weitaus  meisten  Impfungen  sind  mit  kurzen,  senkrechten
Schnittchen  ausgeführt  worden.  Von  Gitterschnitten,  Kreuzschnitten  und  ähnlichen  Schnittverfahren
  wird  mehr  und  mehr  Abstand  genommen;  nur  vereinzelt  wird  noch  über  die
Anwendung  derselben  berichtet.  Eine  Verminderung  der  Schnittzahl  und  eine  Beschränkung
der  Impfung  auf  einen  Arm  auch  bei  Erstimpfungen  ist  bereits  im  Berichtszeitraum  von
manchen  Impfärzten  durchgeführt  worden,  obwohl  ein  solches  Verfahren  den  damaligen
Vorschriften  nicht  entsprach.  Inzwischen  ist  dasselbe  in  den  meisten  Bundesstaaten  als  zulässig
  erachtet  worden  );  indessen  würde  auch  nach  den  neueren  Vorschriften,  die  von  einem
Impfarzt  in  Bayern  gewählte  Zahl  von  nur  2  Impfschnitten  als  zu  gering  zu  bezeichnen
sein.  Aus  Baden  wird  berichtet,  daß  manche  Impfärzte  darauf  verzichteten,  die  Lymphe  in
die  Schnitte  besonders  einzustreichen,  wobei  der  Erfolg  eher  sicherer  war,  als  im  entgegengesetzten
  Falle.

1)  Bergl.  Mediz.-statist.  Mittheil.  Bd.  III,  S.  265,  ferner  Veröffentl.  des  Kaiserl.  Gesundheitsamtes
1896.  S.  378—883.