Die Naturphilosophie: die Stellung der Akademie zu ihr. 631
halb, dass Speculationen nichts Anderes sind als Hypothesen, und
dass in der Sammlung, kritischen Ordnung und quantitativen Behandlung
der Objecte — soweit sie eine solche irgend zulassen
— die eigentliche Aufgabe der Naturwissenschaft enthalten ist. Wieweit
der Spielraum der Mechanik, auch in der Biologie und der
mit ihr verschwisterten quantitativen Analyse reicht, das wusste
man noch nicht; ihr Principat war in Deutschland noch nicht erkannt,
während Frankreich Männer wie BERTHOLLET, LAVvVOISIER,
LarLace und Gay-Lussac besass, und auch England und Schweden
-—- genannt seien nur Humpury Davy und Berzeuius — in dem
Experiment und in der Reduction, sowie in der richtigen Deutung
grosser Hauptprobleme die Deutschen überflügelt hatten.
Aber wie immer das Urtheil über die Naturphilosophie ausfallen
mag, die Akademie hat von ihr nicht zu leiden gehabt, wenigstens
nicht in der Epoche, die uns hier beschäftigt”. Das ist nicht
ALEXANDER VON HuxußoLor's Verdienst allein — er war his ı812 viel
zu kurze Zeit in Berlin, um einen stetigen Einfluss gewinnen zu
können —, die Akademie selbst hat in ihrer grossen Majorität die
Naturphilosophen abgelehnt und die tüchtigen Forscher bevorzugt”.
Ausserdem besassen jene in dem Ministerium an ScHUCKMANN einen
grimmigen Gegner, der Alles that, was in seinen Kräften stand, um
Preussen gegen die Naturphilosophie abzuschliessen‘.
seinem liebevollen Verständniss für Einheit und Mannigfaltigkeit hat die Naturwissenschaft
doch viel gelernt, obgleich er mit der Wage nicht umging.
! Krarrora, der Chemiker der Akademie zwischen 1788 und 1817, hat am
Ende seines Lebens wider die Naturphilosophie, am Anfang seiner wissenschaftlichen
Laufbahn noch gegen die letzten Reste der Alchemie und des Schwindels
kämpfen müssen. Im Jahre 1787 hatte Senırr der Akademie seine Entdeckung
eingesandt, dass das Gold sich in einem gewissen flüchtigen Salze erzeuge, wenn
man es feucht und warm halte. Kıarrora prüfte dies Salz im Auftrag der Akadeiıie
und fand in der That ein Goldblättchen darin — das SrmtEer'’s Bedienter
hineingesteckt hatte, um seinen gläubigen Herrn bei seinen Arbeiten zu erfreuen.
So erzählt Brunss, ALEXANDER von Humeor.or. Bd.1 S.45f.; in den Acten der Akademie
habe ich nichts darüber gefunden.
2 Nach 1814 wurde es anders (vergl. Brunns, ALEXANDER von Hunsorpr Bd. 1
S.227 fl. mit S.230), aber nicht sowohl an der Akademie als an den Universitäten.
3? Nur SchLEIERMACHER betrieb damals schon die Berufung von StTEFFENS. Die
Naturforscher der Akademie, ein Krarrorn, vox Buch, Erman, haben die Thorheiten
der Naturphilosophie mit sicherem Blick durchschaut. .
* Ganz besonders lehrreich ist hier ein Bericht von Scauckmann’s an den
Staatskanzler von HArDEnRERG vom 1. März 1812, den Körkr (a. a. O. S. 232 ff.) ınitgetheilt
hat. Die wichtigsten Ausführungen mögen hier eine Stelle finden: »Das
von Ew. Exc. ınir zur gutachtlichen Äusserung unterm 28. Februar geneigtest communicirte,
hierneben gehorsaınst wieder beigefügte Gesuch der Doctoren Spi1zBArTH,