Full text : Von Luther zu Bismarck. Zweiter Band. (2)

58  Kaiser  Josef  II.

sie  auch  in  allerhand  Zeitungen,  Pamphleten,  Büchern  ein  Echo,  in
denen  die  Taten  des  Kaisers  verunglimpft,  seine  Gesinnung  verdächtigt
  wurden.  Was  er  für  die  Modernisierung  der  Justiz  geleistet
  hat,  ist  bereits  berührt  worden;  zu  erwähnen  ist  da  noch
das  Ehepatent  von  1783,  ebenso  seine  Bemühung  für  die  Schule.
Er  hat  die  Unentgeltlichkeit  des  Unterrichts  für  Knaben  angeordnet,
  nicht  die  gleiche  Vorsorge  traf  er  für  die  Mädchenbildung
—  er  scheint  dieselbe  für  weniger  nötig  gehalten  zu  haben.  Dem
Hochschulleben  blieb  er  fremder;  da  wünschte  er  vor  allem  gute  Beamte,
  Arzte,  Lehrer  erzogen  zu  bekommen;  für  den  freien  Betrieb
der  Wissenschaft  um  ihrer  selbst  willen,  ohne  praktischen  Zweck,  hatte
er  wenig  Verständnis.  Die  körperliche  Züchtigung  in  der  Schule
wurde  aufgehoben,  das  Zur-Beichtegehen  der  Schulkinder  dem  Ermessen
  der  Eltern  überlassen.  Die  Lehrer  konnten  wieder  aus  bekannten
  Ursachen  nicht  gut  bezahlt  werden;  sie  wurden  darauf  hingewiesen,
  gleichzeitig  Mesner  zu  sein  und  damit  sich  einen  Nebenverdienst
  zu  schaffen.

In  ökonomischer  Hinsicht  war  Josef  rastlos  bemüht,  durch  Maßnahmen
  und  staatliche  Fürsorge  aller  Art  die  Lage  seiner  Untertanen,
  damit  zugleich  die  Finanzen  Österreichs  zu  verbessern.  Er  ist
Physiokrat  gewesen  1);  bekannt  ist  ja,  wie  er  selbst  bei  Besuchen  auf
dem  flachen  Lande  die  Hand  an  die  Pflugschar  gelegt  hat,  um  zu
bezeugen,  wie  ungeheuer  wichtig  diese  Arbeit  sei;  er  hat  aber  neben
dem  Ackerbau  auch  die  Industrie  nicht  vernachlässigt.  Sonst  hegte
er  die  alten  Ansichten,  daß  die  Goldausfuhr  aus  dem  Lande  zu  verhindern,
  daß  ein  freier  Handel  der  eigenen  Industrie  schädlich  sei.
Aber  im  Inneren  Österreichs  hat  er  die  überaus  lästige  Abschließung
der  einzelnen  Provinzen  gegeneinander  abgeschafft,  fremde  Luxuswaren
  mit  den  schwersten  Steuern  belegt,  dagegen  fremde  Handwerker
  mit  großen  Opfern  zur  Einwanderung  gelockt.  Die  Wollindustrie
  Osterreichs  in  Brünn  und  Reichenberg  ist  unter  ihm  geschaffen
  worden.  Gerne  förderte  er  den  Export  nach  außen,  mit  Ostindien
  und  China  begann  der  Warenaustausch.  Eine  hochwichtige  Handelsstraße
  wurde  über  den  Arlberg  gelegt.

Auch  das  Steuersystem  sollte  auf  anderer  Grundlage  aufgebaut
werden,  der  Grundbesitz  ist  Josef  das  einzig  richtige  Steuerobjekt;  zu

1)  Man  nannte  die  in  der  zweiten  Hälfte  des  achtzehnten  Jahrhunderts
aufkommende  Wertschätzung  des  Bodens  und  des  Ackerbaues  Physiokratismus,
im  Gegensatze  zu  der  früheren  ausschließlichen  Förderung  des  Handels,
dem  Merkantilismus.