Die Hunnen und das Gotenreich. 39
goten von neuem, und diese erhoben nach ihrer Bäter Sitte den schlauen und kühnen
Alarich auf den Schild, der nun plündernd und verwüstend die ganze Balkanhalbinsel
durchzog. Bis in den Peloponnes drang er, und erst dem Minister des Honorius, des
Herrschers über den weströmischen Teil des Reiches, dem Germanen Stilicho gelang es,
ihrer Herr zu werden. Mit Mühe nur rettete sich Alarich mit seinem Heere damals in
seine Heimat. Er erhielt nun vom ÖOstreiche den oströmischen Teil der Provinz Illyrien
und schon im Jahre 401 fiel er in Italien ein. Noch einmal schlug ihn Stilicho bei
Pollentig am Tanaro, dann bei Verona zurück und rettete Rom und Italien vor ihm.
Inzwischen hatte nördlich der Donau die Bewegung der Völker fortgedauert.
Alanen und Vandalen waren nach dem Tode des Ermanarich in das heutige Deutschland
gezogen, wo die Slaven von Osten vordrängten, und die suebischen Völker aus
ihren Sitzen östlich der Elbe warfen. Ein Heer von pannonischen Ostguren brach in der
Stärke von mehreren hunderttausend Mann, unter der Führung des Ratiger in Italien
ein. Auch sie wurden von Stilicho im Jahre 405 bei Fäsulä unweit Florenz geschlagen,
aber das römische Reich hatte damit auch seine letzten Kräfte aufgeboten. Vandalen und
Alanen, bisher in Pannonien seßhaft, gemischt mit Sueben. Gepiden, Herulern, Alemannen,
Burgundern überschritten im Winter 406 den Oberrhein, plünderten drei Jahre
lang Gallien, zogen dann 409 nach Spanien und gründeten auf römischem Boden nun
germanische Herrschaften.
Gegen den Germanen Stilicho hatte sich indessen die römische Partei am Hofe erhoben.
Kaiser Honorius hatte sich dadurch, daß er den Feldherrn hinrichten ließ, seiner
letzten Stütze beraubt. Sogleich, im Jahre 408, rückte Alarich in Italien ein, und
marschierte gegen Rom vor, das seit Hannibal keinen Feind vor seinen Toren gesehen
hatte. Eine furchtbare Hungersnot brach in der Stadt aus. Demütig mußten die stolzen
Römer mit ihren Schätzen den Abzug des Gotenkönigs erkaufen. In Italien aber blieb
Alarich und stand im Jahre 409 wieder vor Rom, setzte dort einen Kaiser ein, den er
bald wieder fallen ließ, und nahm 410, als er zum drittenmal vor Rom erschien, die
gewaltige Stadt. Kaiser Honorius hatte sich nach Ravenna gerettet. In den Süden
Italiens führte dann Alarich seine Goten, aber auf diesem Zuge erlag er den Anstrengungen
und dem Klima; bei Cosenza am Busento bestatteten die Goten ihren König.
An die Stelle Alarichs trat sein Schwager Athaulf, ein Mann, dem es ernstlich
um ein friedliches Verhältnis zu dem Hofe in Ravenna zu tun war, sodaß man auch
dort glaubte den Goten entgegenkommen zu müssen. Athaulf erhielt den Rang eines
römischen Oberfeldherrn und zog als solcher nach dem südlichen Gallien um diese Provinz,
die von fremden Kriegsscharen verheert und von ungetreuen Beamten ausgeplündert
wurde, dem Reiche wiederzugewinnen. Als sich dann auch Placidia, die Tochter Theodosius
d. Gr. entschloß dem Gotenfürsten die Hand zu reichen, glaubte man in diesem Bündnis
eine vollkommene Gewähr für ein dauerndes Einvernehmen sehen zu können. Aber der
Kaiser selbst hatte sich durch diesen Schritt nicht zur Versöhnlichkeit bestimmen lassen,
und sein Feldherr Constantius, der sich mit der Hoffnung auf den Besitz der Placi dia
getragen hatte, tat alles, um die Entfremdung zwischen ihm und Athaulf nur noch größer
zu machen. Bald brachen Streitigkeiten zwischen Römern und Goten aus. Athaulf sah
sich genötigt Gallien zu verlassen, und ehe er sich in Spanien recht festsetzen konnte, fiel
er durch Meuchelmord in Barcelona. Unter seinem Nachfolger Wallia besiegten die
Westgoten die germanischen Völker, die sich in Spanien angesiedelt hatten, unterwarfen