Full text : Das öffentliche Recht der Gegenwart. Band 2. Das Staatsrecht des Königreichs Württemberg. (2)

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234  Fünfter  Abschnitt:  Die  Funktionen  des  Staates.  IV.  Das  Enteignungsrecht.

 

B.  Die  Zwangsenteignung  i.  w.  S.  Neben  der  unter  4  dargestellten,  auf  Grundeigentum
  und  Immobiliarrechte  beschränkten  Enteignung  gibt  es  noch  eine  Reihe  von
Fällen,  in  welchen  die  Staatsgewalt  zur  Erfüllung  ihrer  Aufgaben  gewisser  Gegenstände
  oder  Berechtigungen  bedarf,  die  sich  im  Vermögen  von  Privatpersonen  oder
Korporationen  befinden.  Der  Staat  bezw.  das  Reich  ist  hier  befugt,  diese  Gegenstände
  durch  einen  Verwaltungsakt  an  sich  zu  ziehen,  bezw.  über  dieselben  zu  verfügen,
muß  aber  nach  den  hier  eingreifenden  besonderen  Gesetzen  dem  dadurch  Betroffenen
volle  Entschädigung  gewähren.  Es  gehört  hierher  die  Entschädigung:

1.  bei  den  Beschränkungen  des  Grundeigentums  im  Rayon  der  Festungen
nach  Maßgabe  des  R.  G.  v.  28.  Dez.  1871  (vgl.  auch  das  R.G.  v.  19.  Juni  1883)  1);

2.  wegen  Friedensleistungen  für  die  bewaffnete  Macht
nach  den  näheren  Bestimmungen  des  durch  das  R.G.  v.  w.  Febr.  1875  in  Württemberg
eingeführten  Reichsgesetzes  über  die  Quartierleistung  v.  25.  Juni  1868  nebst  den  Abänderungsgesetzen
  v.  21.  Juni  1887  u.  v.  6.  Juli  1904  in  Verbindung  mit  Anl.  III  zum
Reichshaushaltgesetz  für  1904  2),  ferner  nach  den  Reichsgesetzen  über  die  Naturalleistungen
  usw.  v.  13.  Februar  1875,  v.  21.  Juni  1887  und  vom  24.  Mai  1898  (Neue
Redaktion  R.  G.  B.  S.  361)  und  dem  Erlasse  v.  13.  Juli  1898  (R.  G.  B.  S.  921)  nebst
dem  Nachtrag  v.  10.  Juli  1904  (R.G.B.  S.  301),  v.  9.  Juni  1906  (R.G.  B.  S.  735)  u.
v.  6.  Aug.  1907  (R.G.  B.  S.  417)  8);

3.  wegen  Kriegsleistungen  für  die  bewaffnete  Macht
(R.G.  v.  13.  Juni  1873)  );

Zwangsenteignung  fallenden  Entschädigungsansprüchen  nach  Art.  6  Abs.  3,  Art.  7  Abs.  4,  Art.  8
der  Bau  Ordnung  v.  6.  Okt.  1872,  s.  Ges.  über  d.  Verw.  Rechtspfl.  v.  16.  Dez.  1876  Art.  2  Z.  5,
ferner  Göz  S.  65,  Nieder,  Kommentar  S.  553—557,  R.  Geßler  S.  221.

1)  Laband  IV  S.  313,  324.  Dem  Entschädigungsberechtigten  steht  hier  gegen  den  Beschluß
  der  höheren  Verwaltungsbehörde,  welche  die  Entschädigung  festsetzt,  innerhalb  einer  Präklusivfrist
  von  90  Tagen  der  Rechtsweg  offen.  Die  Klage  ist  gegen  den  Reichsfiskus  zu  richten,  der
durch  die  Kommandantur  vertreten  wird.  Innerhalb  dieser  Frist  steht  auch  der  Milit.-Behörde  das
Recht  zu,  die  Enteignung  des  Grundstückes  —  in  Württemb.  nach  Maßgabe  dess  30  V.  U.  und
des  Enteign.Ges.  —  zu  verlangen.  Uebrigens  steht  nach  dem  Rayongesetz  &  40  Abs.  2  dem  Besitzer
des  Grundstücks  der  Rechtsweg  auch  dann  zu,  wenn  die  Kommandantur  die  Pflicht  zur  Entschädigung
überhaupt  bestreitet.

2)  S.  auch  die  Instr.  v.  31.  Dez.  1868  im  Reg.  Bl.  v.  1875  S.  239  und  v.  3.  Sept.  1870  im
Reg.  Bl.  v.  1875  S.  264;  Min.  Erl.  v.  4.  Mai  1877  A.  Bl.  S.  169,  Kais.  Erl.  v.  29.  Jan.  1885  R.G.  Bl.
S.  9;  Min.-Erl.  v.  2.  Mai  1891  A.  Bl.  S.  114;  eine  Min,  Verf.  v.  12.  Okt.  1904  (A.  Bl.  S.  441)
ist  bemüht,  die  in  Geltung  befindlichen  Vorschriften  über  die  Quartierleistung  für  die  bewaffnete
Macht  im  Frieden  festzustellen  (ogl.  Boscher  Bd.  32  S.  180,  216,  246,  285,  Bd.  36  S.  349);
über  die  Zuständigkeit  des  Bezirksrats  vgl.  Bez.  O.  Art.  42  Ziff.  13  u.  14.

3)  S.  Laband,  St.R.  IV  S.  263  ff.;  ferner  die  Vollzugs  Verf.  v.  7.  Juni  1899  (A.Bl.
des  Minist.  des  Innern  S.  205)  mit  Nachtrag  v.  3.  Sept.  1901  (A.  Bl.  S.  226),  v.  G.  März  1905
(A.  Bl.  S.  161)  und  vom  27.  Mai  1905  (A.  Bl.  S.  273).  Der  Rechtsweg  für  die  Feststellung  der
Entschädigung  ist  bei  den  Friedensleistungen  ausgeschlossen  (#  14  Naturall.  Ges.  in  der  Fassung
des  R.G.  v.  24.  Mai  1898);  die  Feststellung  der  Vergütung  von  Flurschäden  erfolgt  durch  Abschätzungskommissionen
  nach  Maßgabe  der  Ziff.  3  des  Erlasses  v.  13.  Juli  1898  und  der  württ.  Vollzugsvorschriften
  zu  §  14  des  Gesetzes.

4)  Vgl.  auch  die  Ausf.  V.  O.  v.  1.  April  1876  (R.G.  Bl.  S.  137),  die  V.  O.  v.  18.  April  1882
(R.G.  Bl.  S.  47)  mit  der  V.O.  v.  6.  Juni  1885  (R.G.  Bl.  S.  197);  ferner  die  V.O.  v.  14.  April
1888  betr.  Abänderung  der  Ausf.  V.  O.  (R.G.  Bl.  S.  142),  v.  27.  Juni  1890  (R.G.  Bl.  S.  75),  v.
8.  Sept.  1897  (R.  Bl.  S.  217)  u.  v.  29.  Dez.  1906  (R.G.Bl.  1907  S.  5)  und  den  W.  Min.  Erl.  v.
13.  Febr.  1903  (A.  Bl.  S.  32).  —  Laband,  St.  N.  IV  S.  286  ff.,  Göz  S.  69,  294.  Für  Vergütungsansprüche
  Einzelner  an  die  Gemeinde  sind  die  Kreisregierungen,  für  Ansprüche  württ.
Gemeinden  gegen  das  Reich  ist  der  Verw.  Gerichtshof  als  Verwaltungsgericht  erster  Instanz  zuständig
Art.  10  Ziff.  8,  Art.  11  Ziff.  2  des  württ.  Ges.  v.  16.  Dez.  1876  vgl.  mit  §s  34  des  R.  Kriegsleist.  G.
Nur  wenn  Grundstücke  zur  Ergänzung  fortifikatorischer  Anlagen  einer  Festung  in  Anspruch  genom-