Wille wäre vielleicht imstande gewesen, mit der beiderseits schroff
widerwilligen öffentlichen Meinung fertig zu werden. Dieser überlegene
Wille fehlte. Welche Kämpse im Reichstage, wenn ihm
cin allgemeiner Bündnisvertrag mit England vorgelegt worden
wäre! Um eine Mehrheit im Reichstage zu erlangen, hätte der
Kanzler gegen das Bismarcksche Vermächtnis, wie es jene Zeit
verstand, ankämpfen müssen. Dazu fühlte er sich im ersten Jahre
seiner Kanzlerschaft nicht stark geung.
Ganz anders dagegen steht es mit der Frage, warum der
damals auf englischer Seite vorhandene gute Wille zur Regelung
einzelner gefährlicher Fragen nicht ausgenutzt
worden ist. Ohne die einschränkende Auslegung des
Mangtseabkommens wäre für Ostasien der Anschluß Japans nicht
bloß an England, sondern anch an Deutschland möglich gewesen,
eine Entente über Marokko war dreimal angeregt worden, eine
Verständigung über die Bagdadbahn, die eben als Frucht der
Orientreise des Kaisers zu keimen begann, hätte sich wohl vor der
englischen Einkreisungspolitik ebensogut erreichen lassen, als an
ihrem gewaltsamen Ende. Die Zeit, die dazu nötig war, um
wieder eine versöhnlichere Stimmung unter den beiden Völkern
auskommen zu lassen, hätte nicht besser ausgefüllt werden können,
als durch Verständigung der Regierungen in praktischen Einzelsragen.
Nach dem Übergang zur Weltpolitik erforderte unser „historischpolitisches
Schicksal“ in der Mitte Europas viel dringender noch
als zur Zeit der aktiven Staatskunst Bismarcks die größte Vorsicht,
um zu verhüten, daß die Weltmacht England ihre Händel
mit Frankreich und Rußland ohne uns oder gar gegen uns
schlichtete. Die neue Konstellation, daß sich England, nicht wir,
zu einer Option gedrängt sah und den Anschluß an Deutschland
suchte, ließ die alte Politik der zwei Eisen nicht mehr zu und schrieb
uns neue Mittel und Wege vor. Wir aber blieben heiter in alter
Fahrt und wußten nichts von stillen Rifsen. Wenn die Zeit tatsächlich
für den Bündnisgedanken nicht reif war, mußte wenigstens
verhindert werden, daß England nun zu Frankreich und in weiterer
Folge zu Rußland überging. Das beste Mittel dazu war in der
angebotenen Verständigung über Marokko gegeben. Statt der
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