Volltext : Fürst Bülows Reden. 1. Band 1897-1903. (1)

März  1903.  449

hervorgegangen.  Wolle  diese  numerisch  nicht  überwältigende
Nationalität  die  Stellung,  zu  der  sie  einmal  berufen,  behaupten,
so  müßte  an  der  Durchführung  ihrer  Staatsidee  auch  festgehalten
werden.  Man  stehe  nicht  nur  Deutschen,  sondern  auch  Slawen
und  Walachen  gegenüber.  Der  Mittelschul-Gesetzentwurf  bezwecke
das  Aufsichtsrecht  des  Staats  über  die  Gymnasien,  die  gegenwärtig
  zum  großen  Teil  lediglich  von  den  Religionsgenossenschaften
  abhingen.  Von  diesem  Gesichtspunkt  aus  sei  die  Teilnahme
  von  Regierungskommissaren  bei  den  Maturitätsprüfungen
und  die  Erteilung  der  Befähigung  zum  Lehramt  durch  den  Staat
in  Aussicht  genommen.  Außerdem  müsse  der  Staat  verlangen,
daß,  wer  zum  Lehramt  zugelassen  werden  wolle,  der  Staatssprache
  sich  mächtig  erzeige.

Herr  von  Trefort  wäre  über  die  Erklärung,  welche  inzwischen
von  Herrn  von  Bunsen  und  Genossen  in  Berlin  ausgegangen  war,

—  Herr  von  Bunsen  stand  damals  an  der  Spitze  des  Deutschen  Schulvereins
  —
namentlich  deshalb  betroffen,  weil  sich  auch  hervorragende  Gelehrte,
  wie  Gneist  u.  s.  w.,  auf  deren  Urteil  er  viel  halte,  daran
beteiligt  hätten.
—  Dazu  hat  Fürst  Bismarck  an  den  Rand  geschrieben:  „Professoren,
das  mildert  eher  den  Eindruck.“  —
(Große  Heiterkeit.)

Im  Laufe  des  Gesprächs  hätte  Herr  von  Thielan  wiederholt,
was  er  politisch  von  der  Sache  dächte,  dann  aber  auch  nicht
verhehlt,  daß,  wenn  er  auch  den  Publikationen  des  Berliner
Schulvereins  eine  praktische  Bedeutung  nicht  zuschriebe,  er  es
doch  nicht  überraschend  finden  könnte,  wenn  in  Deutschland  und
namentlich  in  Kreisen,  wo  man  auf  das  Wirken  deutscher  Geisteskraft
  mit  Recht  stolz  sein  dürfte,  Schritte,  die  in  ihrer  Konsequenz
  doch  zum  Niedergang  eines  Fleckchens  deutscher  Kultur
führen  müßten,  empfindlich  berührten.  Je  milder  man  in  Budapest
  die  Sache  behandle,  je  weniger  sei  nach  seiner  Meinung  ein
nachhaltender  Eindruck  in  Deutschland  zu  besorgen.  Gelegentlich
hätte  er,  der  Kaiserliche  Generalkonsul,  bemerkt,  ob  es  vom
ungarischen  Standpunkt  aus  nicht  Zweifeln  begegnen  würde,
das  deutsche  Element  Siebenbürgens  gegenüber  dem  Vordringen
von  Slawen  und  Rumänen  noch  mehr  zu  schwächen,  anstatt  es

als  Alliierten  zu  stärken.  —  Dieses  Argument  sei  jedoch  auf
Penzler,  Graf  Bülows  Reden  2c.  29