Metadata : Das Deutsche Reich zur Zeit Bismarcks.

108  I.  7.  Ende  und  Ergebnisse  des  Kullurkampfes  (1875).

stimmung  einer  Gemeindevertretung  von  höchstens  40  Mitgliedern  gebunden  sein  sollte.
Im  Abgeordnetenhause  fand  das  Gesetz  lebhaste  Zustimmung,  dagegen  erschien  der
Mehrheit  die  Bestimmung  unannehmbar,  daß  der  Geistliche  den  Vorsitz  im  Kirchenvorstand
  einnehmen  solle,  und  zwar  obendrein  unter  der  Oberaussicht  des  Bischofs.
Die  vom  Hause  am  16.  Februar  gewählte  Kommission  schloß  im  Gegenteil  den  Geistlichen
  vom  Vorsitz  aus,  und  mit  dieser  Auderung  fand  das  Gesetz  krotz  hestiger  Opposition
  der  Regierungsgegner  im  Herrenhause  auch  dort  Annahme,  so  daß  am  20.  Juni
die  königliche  Unterschrist  daruntergesetzt  werden  konnte.  Vor  Verkündung  des  Gesetzes
  im  „Staatsanzeiger“  schrieb  die  „Provinzialkorrespondenz“  am  30.  Juni,  indem
sie  die  Bestimmungen  des  Gesetzes  erlänterte:

„Die  den  vorgesetzten  Behörden  katholischer  Kirchenvorstände  und  Gemeindevertretungen
gesetzlich  zustchenden  Rechte  der  Aufsicht  und  Einwilligung  zu  bestimmten  Handlungen  der
lirchlichen  Vermögensverwalkung  bleiben  denselben  gewahrt  und  gehen  nur  dann  auf  die  staalliche
  Aussichtsbehörde  über,  wenn  die  vorgesetzte  Kirchenbehörde,  ungeachtet  erfolgter  Aufforderung,
  von  ihren  Rechten  keinen  Gebrauch  machen  will.  Die  den  bischöflichen  Behörden  zustehenden
Rechte  aber  ruhen,  solange  die  betresfende  bischösliche  Behörde  dem  neuen  Gesetze  Folge  zu  leisten
  sich  weigert,  oder  solange  das  betressende  Amt  nicht  in  gesetzlicher  Weise  verwaltet  oder  besett
  ist.  In  der  Hand  der  geistlichen  Oberen  allein  liegt  es  mithin,  ob  die  Durchführung  des  Gesetzes
  unter  der  geordneten  Mitwirkung  der  bischöflichen  Behörden  oder  ohne  dieselbe  erfolgen
soll,  ob  mithin  das  Gesetz,  welches  an  und  für  sich  kein  Gesetz  des  Kampfes  ist,  in  den  Bereich
des  kirchlichen  Kampses  hineingezogen  werden  soll.  Die  nächsle  Zukunft  wird  lehren,  ob  die  Bischöfe
  den  Boden  kirchlichen  Friedens  zunächst  bei  diesem  wichtigen  Gesetze  betreten  wollen.“

Nach  dem  Verhalten  des  Wortführers  der  preußischen  Bischöfe,  des  Erzbischofs
von  Köln,  vor  Erlaß  des  Gesetzes  wäre  diese  Hoffnung  völlig  grundlos  gewesen,  denn
der  Erzbischof  hatte  am  10.  März  „im  Auftrag  und  Namen  sämtlicher  Bischöse“  eine
Rechtsverwahrung  an  das  Abgcordnetenhaus  gerichtet,  in  welcher  er  die  Vorlage  „als
uUnvereinbar  mit  den  der  katholischen  Kirche  zustehenden  Nechten  und  als  schwere
Schädigung  der  ihr  gebührenden  Selbständigkeit“  erklärte.  „Die  durch  das  Gesetz
ins  Leben  zu  rusenden  Einrichtungen  würden  nach  den  Grundsätzen  des  katholischen
Kirchenrechtes  als  rechtmäßig  nicht  angesehen  werden  können,  und  dem  Staate  könne
überhaupt  eine  Befugnis  zum  Erlasse  dieses  Gesetzes  niemals  zuerkannt  werden.“
Dieser  damaligen  Stellung  der  Bischöfe  hatte  auch  das  Auftreten  der  Zentrumsfraktion
im  Abgeordnetenhause  entsprochen.

Um  so  überraschender  wirkte  die  Nachricht,  daß  die  Bischöse  nach  Erlaß  des  Gesetzes
  sich  dennoch  entschlossen  hätten,  die  von  ihnen  geforderte  ansdrückliche  Erklärung
der  Anerkennung  des  Gesetzes  abzugeben,  um  die  Verwaltung  des  kirchlichen  Ver-Mögens
  sich  zu  erhalten  und  nicht  in  die  Hand  eines  vom  Staate  ernannten  Kommissars
übergehen  zu  lassen.  Mit  Genugthuung  konnte  die  „Provinzialkorrespondenz“  am
28.  Juli  mitteilen,  daß  der  Fürstbischof  von  Breslau  znerst  die  förmliche  Erklärung
abgegeben  habe,  dem  Gesetze  Folge  leisten  zu  wollen,  und  daß  alle  übrigen  Bischöse
mnd  bischöflichen  Verwaltungen,  auch  der  von  Köln,  seinem  Beispiel  gefolgt  seien.

„Die  Wendung  in  dem  Verhalten  der  Bischöfe  reicht  weit  über  dieses  Gesetz  hinans“,  schrieb
das  halbamtliche  Blatt.  „Zum  ersten  Male  haben  sie  jetzt  thatsächlich  den  Grundsatz  ausgegeben,