212 Zweilter Teil: Das Lehrlingswesen in der Industrie.
und alle Vorkommnisse in derselben Schweigsamkeit zu beobachten,
die Arbeitsstunden pünktlich einzuhalten usw. Ferner ist er verpflichtet,
dem Turnverein beizutreten. Bei Strafe der Entlassung ist
ihm vor dem vollendeten 17. Lebensjahre jedes Rauchen, jeder Besuch
von Spinnstuben, Wirtshäusern, Tanzmusiken u. dgl. sowie die
Mitgliedschaft irgendwelcher Vereine ohne eigentliche Genehmigung
des Fabrikdirektors strenge untersagt. Der Lehrling hat jederzeit
auch außerhalb der Fabrik nicht nur den Anordnungen seines
speziellen Meisters, sondern jeden Meisters unweigerlich Gehorsam
zu leisten. Auf der Marienhütte bei Kotzenau und der ebenfalls im
Aufsichtsbezirk Breslau-Liegnitz gelegenen Wilhelmshütte sind die
Lehrlinge den Statuten des Altestenkollegiums unterworfen, nach
denen jeder Arbeiter verpflichtet ist, das Wohl der Lehrlinge in allen
Beziehungen im Auge zu bebalten und auch den Lebenswandel der
Lehrlinge außerhalb des Betriebes sorgfaltig zu überwachen.
Mit diesen Verträgen vergleiche man die in neueren Industriebetrieben
aufgestellten Lehrverträge. So lautet z. B. die Grundbestimmung
eines dieser Verträge: „Dem Lehrling zwird Gelegenheit
gegeben werden, unter spezieller Anleitung sich in den vorkommenden
Former- und Eießerarbeiten größtmögliche praktische Ausbildung zu
erwerben.“ In dieser Bestimmung ist die grundsätzliche Umwandlung
des Verhältnisses klar zum Ausdruck gebracht. Der Erziehungscharakter
ist mehr oder weniger, abgestreift und die Ausbildung vielfach
in den Vordergrund gestellt. Zuweilen wird auch die Verpflichtung
des Lehrlings zu den zkeel Buwer Arbeitsleistungen, zu Überstunden
u. dgl. noch besonders betont. So ist auch nach den Berichten
der Gewerbeaufsichtsbeamten (Oldenburg, 125, S. 3) von
einer Firma darauf hingewiesen worden, daß der § 127 der Gewerbeordnung
ein patriarchalisches Verhältnis zwischen dem Arbeitgeber
und Arbeitnehmer voraussetze, das wohl noch in kleinen Meisterwerkstätten
zu finden sei, in Großbetrieben aber nicht bestehen könne
und auch beim besten Willen unter dem Einfluß sozialpolitischer
—. nicht mehr zu halten sein würde. Es sei deshalb dem
Fabrikherrn nicht mehr möglich, die über die Fabrik und deren Befugnisse
hinausreichenden Verpflichtungen für einen Lehrling zu
übernehmen. Weitere Momente, die einen Unterschied des industriellen
Lehrberältnisses, gegenüber demjenigen des Handwerks bedingen,
iegen in den Beziehungen des Betriebsinhabers, bezw. der ausbildenden
Person zum Lehrling, ferner in dem Umstande, daß der
Fabriklehrling in der Regel einen mit den Jahren steigenden Lohn
erhält sowie endlich darin, daß sich die Anlernung und Erziehung
des Lehrlings auf die Arbeitsstunden beschränkt. In den Berichten
der Gewerbeaussichtsbeamten für 1887 (S. 135) wird darauf hingewiesen,
daß die Beschränkung der BVeaufsichtigung des Fabrikhrlings
auf die Arbeitszeit sowie der Umstand, daß der Fabriklehrling
meist bereits von Beginn der Lehre einen Lohn in barem
Gelde empfange, diesem von vornherein eine gegenüber dem Lehrherrn
selbständigere Stellung und eine seiner sittlichen Ausbildung
durch den letzteren im allgemeinen wenig förderliche Unabhängigkeit