III. Afrika. 981 155. Marokko.
Um die Wende des 17. Jahrhunderts schuf ferner der Sultan Mulay Ismaöl nach einem alten
Vorbilde aus der Zeit einer früheren Dynastie neue Kolonien, indem er alle „Abid‘ (Negersklaven)
seines Reiches zusammenbringen ließ — er benutzte hierbei die alten Verzeichnisse der früheren
Dynastie — und sie militärisch ausbilden ließ. Als direktes Vorbild diente ihm wohl die ägyptische
Truppe der Tulmiden. Diese schwarze Truppe erhielt nach dem Gelehrten Abdallah el Buchari,
dessen Traditionswerk „Sahah‘‘, das der Sultan in regelmäßigen Perioden mit den Ulemas studiert
und das er stets mit sich führt, den Namen „Buacher‘‘, da ihr das Werk zur Eskortierung ‚wie
die Bundeslade der Juden‘‘ anvertraut wurde.
Derselbe Mulay Ismaöl schuf ferner aus kleinen Teilen verschiedener nach Marokko gekommener
Saharastämme die Korps der Udya, Menebha u. a.
Zu diesen Machsenstämmen fügte im 19. Jahrhundert, bald nach der Schlacht bei lIely,
Mulay Abderrahman die Kabyle der Scherarda, einen bis dahin widerspenstigen Stamm aus dem
Süden des Reiches.
Die Machsenkabilen, von denen die Abid und Udaya ursprünglich ja nur künstliche,
kabilenartige Verbände sind, stehen zum Sultan in einem Lehnsverhältnis: gegen den Besitz von
Regierungsländereien und das Privileg der Steuerfreiheit, sowie gegen Zahlung eines gewissen
Soldes haben sie die erbliche Verpflichtung, dem Sultan im Frieden als Hofgesinde und Polizeisoldaten
und im Kriege als Kavalleristen zu dienen.
Nachdem sie im Laufe der Geschichte wiederholt versucht hatten, die Rolle von Prätorianern
zu spielen und daher vom Sultan bekämpft und niedergeworfen wurden, indem ein Stamm
gegen den anderen ausgespielt wurde, siedelte man sie in der Nähe der Hauptstädte an, mit der
doppelten militärischen Aufgabe, die unbotmäßigen Großstädte in Schach zu halten und anderseits
Raubzüge der Gebirgsstämme gegen die Städte abzuwehren.
Bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts weren es auch die Machsenstämme, die
dem Sultan die Mehrzahl der Beamten lieferten, so daß ein homo novus nur als Hofsklave oder
Taleb (Gelehrter) in die Verwaltung kam. Dann aber begann man Kaufleute als Umana in die
Finanzverwaltung zu übernehmen und unter Mulay Abdelasis wurden diese Nichtmachsenleute
sogar augenfällig bevorzugt.
Früher schon hatten die Machsenstämme das Privileg des Waffendienstes — das sie höchstens
mit landfremden Söldnern, Türken und Christen, geteilt hatten — verloren: Nach der Schlacht
bei Isly, als sich die militärische Schwäche des marokkanischen Reiterheeres gezeigt hatte, wurde
nach dem Muster der eingeborenen algerischen Truppen Frankreichs die Infanterie der „Askar“
gebildet, die außer von den Machsenkabilen auch von den übrigen Stämmen gestellt wurden,
und die auch als Machsen betrachtet werden.
Endlich ist ein bedeutendes Stück der polizeilichen Tätigkeit aus den Händen der „Machasnije‘‘
auf die durch die Algecirasakte vorgesehene marokkanische Polizeitruppe übergegangen, die
seit Beginn des Jahres 1908 in dem fremden Handel geöffneten Häfen des Landes (Tetuan, Tanger,
Larasch, Rabat, Casablanca, Mazagan, Saffi und Mogador) den Schutz der Fremden und die Aufrechterhaltung
der öffentlichen Ordnung übernommen haben. Die ganze Entstehungsgeschichte
der „Polizei‘‘ und namentlich ihre Ausbildung durch französische und spanische Instrukteure,
hindert, daß die Polizei in eine machsenähnliche Stellung kommt.
Da die Einführung einer Staatsordnung modern-europäischer Art mit einem reformierten
Steuer- und Wehrsystem und einer kräftigen Zentralgewalt in Marokko bis jetzt erst in den Anfängen
steht, ist der Machsen nach wie vor trotz der Wandlungen der neuesten Zeit die Hauptstütze
der weltlichen Macht des Scherifenlandes und das Knochengerüst des Staates.
4. Abschnitt. Die Begierung.
Erst im Laufe der letzten 50 Jahre haben die Geschäfte der Zentralregierung an Zahl und
Wichtigkeit so zugenommen, daß der Sultan, der bis dahin mit einigen Sekretären alle Angelegenheiten
meist selbst erledigte, sich genötigt sah, nach und nach eine Art Ministerium zu schaffen.
Aber noch jetzt erledigt der Sultan nach seineın Belieben jedes Geschäft in jedem Stadium selbst