nicht um. Aber gleich darnach sie schwerfällige
Tritte auf dem Mittelgang.
Sie blieb noch einen Augenblick ruhig sitzen,
und dann stand sie auf. Sie kannte den Tritt.
Schippe und Tuch hielt sie noch in der Hand.
Aber den Besen hatte sie neben sich auf die Bank
gelegt. Nun nahm sie ihn auch an sich und ging
dem kleinen Fischer entgegen.
„Is was los?“ fragte sie.
hörte
„Ne. Aber wo bleibst du denn? Ich sah dich
raufsteigen!“
Argwöhnisch blickte er in ihr verweintes Gesicht.
Die tiese Winterdämmerung verhüllte jede
Tränenspur. Aber er hatte deutlich an ihrer Stimme
gehörk, was ihr Gesicht nicht mehr verraten
konnte.
„Warum hast du geweint?“
„Es is doch kein Kinderspiel!“
„Bin ich dir so zuwider?“
„Ne — zuwider —“ antwortete sie erschreckt, „zuwider
doch nich!“
Er hörte, wie ihr die Worte voll Angst über die
Lippen stolperten.
Sie waren nebeneinander her
zwischen den zwei Bänkereihen
stand er auf einmal still.
„Na, denn vergiß ihn doch man! — Ich will
dich auch gut halten. Das hab ich dir schon hundertmal
gesagt."“
„Ja, das hast du.“
Und plötzlich, war es der heilige Ort, an dem
sie zum erstenmal allein mit einander standen —
derselve, an dem sie ihm übermorgen ihr Leben zuschwören
wollte — oder die Nachwirkung ihres Gebets,
eine große Kraft kam über sie.
„Gustav, und versprich mir, daß du auch gegen
ihn immer gut sein willst! Gib ihm kein schimpflich
Wort mehr! Nie mehr! — Denk, wie das Unglück
ihn getroffen hat! — Versprich mir das!“
„Ja, ich versprech dir das!“
Etwas wie eine Zerknirschung faßte ihn an. Er
fühlte auf einmal, daß er in all seiner Verschlagenheit
und Begierde ihrer nicht wert war.
„Komm!“ sagte er unruhig, „das ist mörderlich
kalt heut!“
Drauten, als sie die Kapellentür abschloß, nahm
er ihr Schippe und Besen aus der Hand; und als
sie es dann wieder nehmen wollte, knurrte er: „Na,
laß doch man sein! Da is schlecht gegen an zu
kommen! — Daß du dir man nich noch was holst
in deinem dünnen Schacket! — Ach ne! Du hast
das dicke an!“
Und ganz bescheiden fühlte er mit klotziger Hand
ihren Aermel an. „Na, denn komm man und sei
kein Bangenbüxl!“
Hui, huil pfiff der Wind um ihre Köpfe.
Sie hatte einen kleinen Schal über ihre Ohren
gebunden. Trot dem fegte ihr das Haar über die
Stirn. Fliegend ging ihr Atem aus und ein.
durch den Gang
9 eschritten. N un
Unser Dommerland
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„Ich hab Kurasch!“ sagte sie laut zu dem neben
ihr Gehenden. Und leiser fügte sie etwas hinzu,
das er nicht verstehen konnte.
„Was sagst du noch? — Dus — Dirn?!“
Wieder hielten sie ihre Schritte an.
„Wenn du so bist — so gut und ordentlich,
wird auch schon allens gut gehn!" wiederholte sio,
ihm die Hand drückend, die er festhielt, bis sie ins
Dorf kamen. ·
Zum ersten Mal hatte sie gegen ihn eine weiche
Regung. Hauptsächlich war es Dankbarkeit. Aber
es war doch ein wirkliches Gefühl.
Die Wolken, die heute nachmittag, so schwer in
sich geschlossen, heraufstiegen, hatten sich verteilt.
Lose jagten sie über den Himmel.
„Wer weiß, am End wird das übermorgen doch
nich schneien?“
„Warum denn auch?
Wenn wir zur Kirch gehen!?“
Die erste Mondsichel stand am Südhimmel. Oft
wurde sie plötzlich vom Gewölk überjagt. Aber immer
wieder blinkte sie vor.
* E *
Der Ost hatte „es raufgeholt“, wie das Rüge—
ner Volk sagt.
Und zwar hatte ers mit Lärm getan, manche
an den ersten Weihnachtstag geknüpfte Besuchshoffmung
dabei zerstörend. Desto angenehmer war es,
daß er so schnell dem Westwind gewichen war, und
daß dieser, milderen Atems, alle Feuchtigkeit in
weichen Flocken zur Erde schickte. Zudem fror es
noch, so daß der Schnee liegen blieb.
Alles war still und feierlich, als die Vitter am
zweiten Feiertag aus dem Schlaf erwachten.
Marieken schob noch halb träumend ihre ausgewaschenen
Kattunfähnchen vom Kammerfenster. Ihr
erster Blick fiel auf ihren gestern kahl geschuiltenen
Myrtenbaum, ihr zweiter auf den weiz zugedeckten
Garten und die blendend weiße Schlucht.
„Wie 'n großes Leichentuch!“ dachte sie, sprach
es aber nicht aus. — Sie sprach überhaupt nur
das Allernötigste, nur Dinge, die sich auf den
Schweinebraten bezogen, den es nach ihrer Trauung
geben sollte, und auf Bier und Schnaps, die
durch Rotspracks Söhne vom Puttgartener Gastwirt
heruntergeholt waren. Zum Nachtisch war eine
große Apfeltorte beim Puttgartener Bäcker bestellt:
und die Freundinnen hatten ihr Mitbringen übernommen.
Die junge Frau Rotsprack wollte das Kochen
besorgen, hatte auch schon am heiligen Abend den
Kaffeekuchen gebacken. Aber im Hause war doch
noch viel für Marieken selbst zu schaffen, ob auch
Miele einsichtsvoll half.
Wenn ihr nur nicht so wunderlich zu mute gewesen
wäre! So ganz und gar, als ginge es zum
Sterben. Nicht verzweifelt — aber so wumdetlich
ergeben.
Gegen acht Uhr begab sie sich ins Haus ihres
Bräutigams, um Malte umbetten zu helfen.
Grad übermorgen?