Full text : Preußisches Staatsrecht. Erster Teil (1)

Bilder  aus  der  letzten  Kaiserzeit.

reibende  Mühe  auf  sich  lud,  alle  Ein-  und  Ausgänge  bis  in
alle  Einzelheiten  zu  bearbeilen  und  zu  überwachen,  damit
Holstein  nicht  wieder  Pflöcke  zwischen  die  Türangeln
steckte,  fiel  dieser  ganz  auf  die  andre  Seite;  er  wollte  alles
nachgeben,  denn  Bülow  hatte  ja  die  Verantwortung,  und  er
selbst  konnte  sagen,  daß  Schwäche  seine  Kraftpolitik  verdorben
  hätte.  Ende  März  wieder  Briefbombardement
auf  Bülow  und  Entlassungsgesuche.  In  einem  der  Briefe
hieß  es,  man  spreche  in  Pressekreisen  davon,  daß  Holstein
zum  Sündenbock  gemacht  werden  solle,  die  Rolle  eines
solchen  sei  nicht  so  schlecht.

Noch  einmal  schien  der  Zufall,  Tod  oder  Krantkheit,
Holstein  zu  Hilfe  zu  kommen:  die  schwere  Ohnmacht
Bülows  am  5.  April  im  Reichskage.  Eines  der  Entlassungsgesuche
  befand  sich  im  verschlossnen  Schreibtisch  des
Fürsten.  Holstein  hälte  es  gern  zurückerhalten.  Unter
einem  andern  Kanzler  konnten  für  ihn  beßre  Zeiten
anbrechen.  Aber  der  Zufall  war  fünf  Stunden  zu  spät
gekommen.  Früh  um  8  Uhr  desselben  Tages  hatte  der
Nachfolger  Richthofens,  v.  Tschirschty,  die  Genehmigung
des  Abschiedsgesuches  vom  Kaiser,  der  in  der  Villa  des
Staatssekretärs  vorsprach,  im  Auftrage  des  Kanzlers  schon
eingeholtk.

Was  ich  im  vorstehenden,  ausführlicher  als  früher),
milgeteilt  habe,  ist  Aufzeichnungen  entnommen,  die  zur
Zeit  der  akuten  Konfliktte  mit  Holstein  in  der  Voraussicht
seines  einst  in  der  Geschichte  schwankenden  Charakterbildes
  niedergeschrieben  wurden.  Manche  Politiker,
neuerdings  auch  der  Historiker  Haller,  haben  sich  den
Grund  nicht  erklären  können,  warum  Fürst  Bülow  die
Fehler,  Schrullen  und  Ränke  Holsteins  trotz  richtiger  Erkenntnis
  so  langmütig  ertragen  und  ihn  sogar  noch  im

*)  „Der  neue  Kurs“  S.  104  ff.,  „Zur  Vorgeschichte  des  Weltkriegs“  S.  196  ff.

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