Full text : Tagebuchblätter. Erster Band. (1)

24.  November  Zwölftes  Kapitel  429

behauptete,  er  werde  in  seinem  einundsiebzigsten  Jahre  sterben,  indem
er  das  aus  einer  mir  unverständlichen  Zahlenkombination  herleitete.

Ich  sagte:  „Das  dürfen  Exzellenz  nicht.  Das  wäre  zu  früh.
Da  muß  man  den  Todesengel  wegjagen."

„Nein,“"  erwiderte  er.  „Sechsundachtzig  —  sechzehn  Jahre
noch.  Ich  weiß  es  —  es  ist  eine  mystische  Zahl.“

Donnerstag,  den  24.  November.  Früh  fleißig  gearbeitet
und  mehrere  Artikel  im  Sinne  des  gestern  abend  vom  Chef  über
den  Vertrag  mit  Bayern  Geäußerten  gemacht.  Wollmann  erzählte
am  Nachmittag,  als  wir  mit  einander  im  Schloßpark  spazieren  gingen,
ein  Oberst  Krohn  habe  in  einem  Orte  in  den  Ardennen  einen
Advokaten  verhaften  lassen,  der  verräterische  Verbindungen  mit  einer
Bande  von  Franctireurs  unterhalten  habe.  Das  über  den  Mann
vom  Kriegsgericht  gefällte  Urteil  habe  auf  den  Tod  gelautet.  Er
habe  Begnadigung  nachgesucht.  Der  Chef  aber  habe  davon  erfahren
und  heute  dem  Kriegsminister  schreiben  lassen,  er  werde  beim  König
beantragen,  daß  der  Gerechtigkeit  ihr  Lauf  gelassen  werde.

Beim  Diner  sind  Oberst  Tilly  vom  Generalstabe  und  Major
Hill  Gäste  des  Chefs.  Dieser  sagt,  indem  er  sich  wieder  beklagt,
daß  die  Militärs  ihm  zu  wenig  mitteilen,  ihn  zu  selten  um  seine
Meinung  befragen:  „So  wars  auch  mit  der  Ernennung  Vogels
von  Falckenstein,  der  jetzt  den  Jacoby  gemaßregelt  hat.  Wenn  ich
mich  vor  dem  Reichstage  darüber  aussprechen  müßte,  würde  ich
meine  Hände  in  Unschuld  waschen.  Man  hätte  mir  nichts  Unbequemeres
  einbrocken  können.“  —  „Ich  bin  —  so  wiederholte  er  —
militärfromm  in  den  Krieg  gekommen,  künftig  gehe  ich  mit  den
Parlamentarischen,  und  wenn  sie  mich  weiter  ärgern,  so  lasse  ich
mir  einen  Stuhl  auf  die  äußerste  Linke  stellen."

Man  erwähnt  den  Vertrag  mit  Bayern,  und  es  wird  davon
gesprochen,  daß  die  Schwierigkeiten,  denen  man  dabei  begegnet,  auch
auf  Nationalgesinnte  zurückzuführen  seien,  woran  der  Minister  die
Bemerkung  knüpft:  „Es  ist  doch  merkwürdig,  daß  es  ganz  kluge
Leute  giebt,  die  aber  von  Politik  nichts  verstehen.  Da  ist  z.  B.
der,  der  hier  immer  an  meiner  rechten  Seite  saß,)  ein  sehr  gescheiter
  Mann,  aber  kein  Politiker.“

 

*)  Delbrück.