Metadata : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechsundzwanzigster Jahrgang. 1910. (51)

#s  Vernische  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Januar  19.)  51

Hirsch  hat  uns  vorgestern  scharf  des  Hasses  gegen  Ferrer  beschuldigt.  Wir
hassen  nicht  diesen  toten  Mann,  wir  wenden  uns  nur  gegen  den  frivolen
Mißbrauch,  den  man  im  Namen  dieses  Mannes  getrieben  hat,  um  das
Volk  aufzuhetzen  gegen  Jesuitismus,  gegen  die  katholische  Kirche,  gegen
das  Zentrum  und  gegen  den  sogenannten  schwarz-blauen  Block.  So  lagen
die  religiös  zugespitzten  Verhältnisse  in  Kattowitz.  Der  Kampf  drehte  sich
lediglich  um  die  Simultanschule.  Da  trat  nun  das  Novum  ein,  daß  die
Sozialdemokratie  sich  der  Stimme  enthielt.  Von  diesem  Augenblick  an
wurde  der  Sache  ein  deutsches  Mäntelchen  umgehängt.  In  der  Schlesischen
Zeitung,  die  mit  Regierungskreisen  Fühlung  zu  haben  scheint,  wurde  nach
der  Wahl  auf  das  Bedenkliche  hingewiesen,  daß  die  Beamten  für  die  Polen
gestimmt  haben;  vor  den  Wahlen  war  davon  nicht  die  Rede;  es  erschien
serner  eine  Mitteilung,  daß  die  Regierung  von  den  Beamten  bei  der  Stichwahl
  ein  treues  Festhalten  an  ihrer  Pflicht  erwarte.  An  den  Lehrern  in
Kattowitz  ist  eine  förmliche  Hinrichtung  vollzogen  worden.  Der  zuständige
Schulrat  las  ihnen  einen  Erlaß  vor  und  sprach  von  politischer  Unreife
älterer  Herren.  Trotzdem  die  Lehrer  später  um  Verzeihung  baten,  erklärte
ihnen  der  Regierungspräsident,  daß  ein  Exempel  statuiert  werden  müsse.
Da  es  sich  bei  der  Hauptwahl  nur  um  den  Kampf  um  die  christliche  oder
atheistische  Weltanschauung  handelte,  so  kann  ich  nur  mein  Bedauern  darüber
  aussprechen,  daß  die  Regierung  in  Oppeln  kein  Verständnis  dafür
gehabt  hat.  Einem  der  polnischen  Kandidaten  ist  zum  Vorwurf  gemacht
worden,  er  wäre  einmal  in  Krakau  gewesen!  Nun,  ich  war  zweimal  in
Krakau,  ohne  daß  meine  deutsche  Gesinnung  gelitten  hätte.  Nach  meiner
Ansicht  hätte  es  genügt,  wenn  man  die  Beamten  gewarnt  hätte.  Ich  muß
es  aber  prinzipiell  ablehnen,  daß  die  Regierung  überhaupt  in  das  Wahlrecht
  der  Beamten  eingreift.  1882  hat  selbst  Bismarck  anerkannt,  daß  das
Votum  eines  Beamten  niemals  einen  Grund  zum  Einschreiten  geben  könne.
Fürst  Bülow  hat  1908  ausdrücklich  eine  Pflicht  der  Regierung  darin  erblickt,
  gegen  Beamte  wegen  einer  Wahl  nicht  vorzugehen.  Und  hier  handelt
es  sich  sogar  nur  um  kommunale  Wahlen,  nach  denen  sonst  kein  Hahn
kräht.  Mindestens  hätte  der  Erlaß  von  1882  aufgehoben  werden  müssen.
Bei  der  Maßregelung  der  politischen  Beamten  wegen  der  Kanalaffäre  wurde
ausdrücklich  deren  Stellung  als  politische  Beamte  bhervorgehoben.  Sind
denn  die  Polen  etwa  gar  mit  der  Pest  behaftete  Menschen?  Warum  werden
nicht  auch  Beamte  gemaßregelt,  die  bei  Stichwahlen  Sozialdemokraten  gewählt
  haben?  (Zuruf  des  Abg.  Dorgmann:  Denunziation!)  Nein,  das
ist  keine  Denunziation,  ich  verlange  auch  die  Maßregelung  dieser  Beamten
nicht  an  sich,  wohl  aber  muß  dann  mindestens  gleiches  Recht  für  alle  gelten.
Dann  werden  auch  die  anderen  Parteien  sehen,  wohin  der  Weg  führt.

Abg.  Dr.  v.  Jazdzewski  (Pole)  verzichtet  zunächst  auf  die  Begründung
  der  Interpellation  der  Polen.

Ministerpräsident  v.  Bethmann  Hollweg:  Meine  Herren,  die
Interpellation  führt  Beschwerde  darüber,  daß  eine  Anzahl  von  Lehrern
und  Beamten  versetzt  worden  ist  und  wünscht  Auskunft  über  die  Gründe
dieses  Vorgehens.  Ich  bin  bereit,  die  gewünschte  Auskunft  über  die  Ansichten,
  über  die  Anordnungen  der  Regierung  zu  geben.  Der  Abg.  Porsch
ist  soeben  bei  der  Schilderung  des  Sachverhalts  auf  die  einzelnen  Gegensätze
  parteipolitischer  und  konfessioneller  Natur  in  Kattowitz  eingegangen.
Ich  will  ihm  im  gegenwärtigen  Moment  in  diese  Details  nicht  folgen.
(Ahal  im  Z.)  Ich  behalte  das  dem  späteren  Gange  der  Debatte  entweder
mir  selbst  oder  einem  der  Herren  Ressortminister  vor.  (Lachen  im  Z.)
Meine  Herren,  lachen  Sie  nicht  zu  früh!  Stören  Sie  mich  nicht  zu  früh
mit  Zwischenrufen,  lassen  Sie  mich  meine  Gedanken  ruhig  entwickeln,  Sie

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