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Achtes Kapitel.
Langlebigkeit — Cod.
„Sterben ist nichts —
——— Doch leben und nicht sehen
Das ist ein Unglück!“
Schiller.
langlebigkeit wird als ein heute selten gewordener Vorzug be-*
trachtet, als ein „Glück“, wenn der Betreffende gesund und
W genußfähig geblieben; sie wird aber als Unglück betrachtet,
295enKrankheit und Siechtum den Menschen genußunfähig
= gemacht und ihn seiner Geisteskräfte gleichzeitig beraubt haben.
Immer seltener werden die alten Menschen, die 90, 100 oder gar mehr
Jahre erreichen; dagegen mehrt sich die Zahl der Todesfälle, durch welche
Menschen im kräftigsten Alter mitten aus ihrer Tätigkeit herausgerissen werden,
also bevor sie sich ausgelebt, ihre Lebensaufgaben erfüllt haben und genußunfähig
geworden sind. Das ist tragisch!
In Fig. 161 bringen wir das Bild einer Greisin. Verstand und
Herzensgüte sprechen aus den regelmäßigen Zügen, die nichts von der Blödigkeit
des Alters verraten, wie sie unsere moderne Zeit so häufig aufweist.
Die zahlreichen Runzeln und Falten beweisen, daß die Siebzig überschritten
sein mögen. Diese Greisin hat sich Körper= und Geisteskraft erhalten,
sie hat ein nutzbringendes und schönes Leben hinter sich, sie wird in gütiger
Fürsorge noch weiter für andere schaffen, — das sieht man ihr an, trotz
ihrer 70 oder 80 Jahre, und sie wird in voller Geistesklarheit sanft und mühelos
ins Jenseits hinüberschlummern, wenn ihre Lebensuhr abgelaufen sein wird!
Man denke dagegen an eine Mutter von 35 Jahren, die mehrere unfertige
Kinder zurückläßt, die ihrer noch so sehr bedürfen; an einen Künstler,
der mit 40 Jahren abberufen wird, bevor er die in ihm lebenden Ideen alle
auszuführen vermochte und andere mehr. Was muß alles zusammenwirken,
damit so unnatürliche Erscheinungen möglich werden?! Der vorzeitige Tod
ist ein tiefernstes Mahnwort an die Hinterbliebenen, was wir nicht ohne
innere Ergriffenheit an uns vorüberschallen lassen dürfen. Es soll uns zur
Betrachtung unserer Lebenseinrichtungen führen, zu einem „In-uns-Gehen“,
zu Reformen, mit welchen wir schon bei unseren Kindern einsetzen, damit es