Contents : Kriegsamtliche Mitteilungen und Nachrichten. Nr. 40-50 (4)

Nur  die  mit  einem  *  bezeichneten  Abschnitte  sind  zum  Abodrucke  kreigegeben.

50.

—  o
—

—.  —

—
—  —.

*  Kriegserfahrungen  im  Spinastoffgewerbe.


MNon  Dr.  Otto  Goehbel,  Maln.
Mitglied  der  Wissenschaftlichen  KomB  tmission  des  Krig#ominnsertums.
Ohne  Vorbilder  hat  bie  Kriegswirkschaft  der  Spinnstoffe
  im  Welkkrieg  ausgebildet  werden  müssen.  In
sasern  Kriegen  konnte  die  Versorgung  des  Heeres  mit
Geweben  für  die  Mobilmachung  als  eine  Frage  der  vorhandenen
  Bestände  der  Heeresverwaltung  erscheinen,  und
für  den  Nachschub  während  des  Krieges  war  die  weitere
Beschaffung  im  wesentlichen  eine  reine  Geldfrage,  da  der
freie  Markt  im  eigenen  oder  in  neutralen  Ländern  mit
seinen  Herstellun  Sinöglichkeiten  und  Lagerbeständen  alle
Anforderungen  obne  weiteres  zu  decken  imstande  war.  Der
technische  Bedarf  an  Spinnstossen  und  Geweben  für  bie
Kriegführung  war  gegenüber  den  Verhälinissen  des  Weltkrieges
  verschwindend,  und  eine  besondere  Fürsorge  für  die
Rültungsindustrie  und  für  den  unentbehrlichen  Vedarf  der
bürgerlichen  Bevölkerung,  durch  dessen  Nichterfullung  die
Kriegführung  gefährdet  erscheinen  konnte,  kam  noch  nicht
in  Frage.  Der  Weltkrieg  mit  seinen  Massenbedürfnissen
und  seiner  Absperrung  von  den  Zufuhrwegen  hat  alle
Voraussetzungen  von  Grund  aug  geändert:  deshalb  wurde
die  Kriegsbewirtschaftung  der  Spinnstoffe  reich  an  ungewohnten
  Aufgaben,  an  Versuchen,  an  Amwegen  und  an
Feblgriffen,  ebenso  reich  aber  auch  an  Erfahrungen.  und
Erfolgen,  und  sie  bietet  in  ihrer  Entwicklung  ein  Schulbeispiel
  für  das  Wesen  aller  Kriegswirtschatt.
Betrachtet  man  rückwärtsblickend  die  Entwidlung,  so
ebt  sich  an  Voraussetzungen,  die  ger  glatten  Durch-#hrung
  der  Kriegsbewirkschaftung  hälten  erfüllt  sein
müssen,  und  an  Ausgaben.  Leren  Eelsne  im  Laufe  des

Krieges  organisiert  wurde,  folgendes  herdot.
sitlegg,  #an,  die  örtliche  und  fachliche  Gliederung
und  die  Leistungsfäbigkeit  des  Gewerbes  mußten  festestellt
  werden.  -  «.«.  1
gesell,  war  erforderlich  zu  erfahren,  welcher  Anteil  an
der  Leistungsfähigkeit  der  jabrikation  im  Frieden  zur
Ausfuhr  gelangte,  in  welchem  Amfang  anderseite  notwendige
  Nohstoffe  und  Oalbsabriitate  cur  Einfuhr
gelangten;  es  war  ferner  festzustellen.  wie  sich  die  Erzeugnisse
  auf.  unenkbehrlichen  Bedarf,  auf  mehr  oder  veri
entbehrlichen  und  Luxusbedarf,  auf  den  Bekleidungsde  all
und  den  gechnischen  dede,  !  Industrie,  des  Handels

und  des  Verkehrswesens  vertellten.  «  sz,
und  Rach  ähnlicher  Glieberung  mußte  die  Ermittlung  des
Heeresbedarfs  für  verschieden  angenommene  Kriegsdauern
und  Kriegslagen  vorgenommen  ind  Wirhchaftspiäne  auf
diese  Ermiktlungen  gegründet  werden.
iese  so  ermittelten  Bedarl  gepentber  waren  alle  Einschränkungs-
  und  Ersatz-Möglick  leiten  und  zwar  sowohl
nach  der  Seite  der  Menge  als  wie  der  Güte  abzuwägen.
Zur  Feststellung  eines  Wirtf  aftsplanes  war  dem
Bedarf  der  Vorrat  (einschließlich  Zugängen)  gegenüberzustelsen.
  Zunächst  war  der  greifbare  Vorrat  in  den
Händen  von  Einfuhrhändlern,  Fabrikanten.  und  Ferkigwarenhändlern
  zu  ermitteln,  zuzüglich  derjenigen  rollenden
und  schwimmenden  Vorräte,  deren  Eintreffen  gesichert

—•  —
———

erschien,  ohne  Einrechnung  der  nur  gaufs  dem  Papler  gesicherten
  Vorräte.  1  ipn–p-t

Zu  prüsen  waren  ferner  die  Auffüllungsmoglichkeiten
der  Vorräte,  und  zwar  nach  der  Richtung  der  eigenen
Inlanderzeugung  unter  Berücksichtigung  ihrer  im  HKrieg
eingekretenen  Steigerungen  oder  Minderungen,  ferner  der
Gewinn  oder  Verlust  von  Nohskoffvorräten  und  Erzeugungsmöglichkeiten
  durch  Besetzung  oder  Raumung  bestimmter
  Gebietsleile,  endlich  die  bestehenden  Einsuhrmöglichkelten
  aus  verbündeken  und  neulralen  Gebieten
nach  Mengen,  Güte  und  Preisen,  je  nach  den  verschiedbenen
Kriegslagen.

In  ähnlicher  Weise  mußten  die  Gewinnungomöglichkeiten
  von  Ersatzstoffen  und  auch  die  von  Alt-  und  Abfall.
stoffen  ermittelt  werden.

Flür  die  Eigenerzeugung  von  Nohstoffen  und  Ersah—
stoffen  war  nicht  nur  zu  ermitteln,  welche  Mengen  gewinnbar
  waren,  sondern  auch,  welche  anderen  Erzengussse  von
öhnlicher  oder  größerer  Wichtigkeit  durch  sie  zurückgedrängt
wurden,  welche  Belastung  der  Finanzen,  des  Mbeiksmarktes
  und  des  Verkehrswesens  die  gesleigerte  inländische
Erzeugung  zur  Folge  haben  mußte.  Es  durfte  auch  nicht
unbeachtet  bleiben,  ob  aus  Gründen  der  Vorratshallung
für  (ätere  Kriege  die  Gewinnung  sich  nur  auf  den  Kriegsfall
  beschränken  sollte  oder  dauernd  anzustreben  war.

Bei  allen  Eingrissen  der  Heeresverwaltung  in  die
Kriegsverhältnisse  mußle  nach  Möglichkeit  an  die  Rückwirkung
  auf  die  zukünftige  Gestaltung  des  Erwerbslebens
gedacht  werden.  *r’  1

Es  muhten  endsich  auch  die  für  die  Friedensbedingungen
  erwünschten  Einwirkungen  auf  die  Nohstoffbeschaffung
  geprüft  und  die  ganze  Frage  der  Kriegsbewirkschaftung
  der  Spinnstoffe  auch  im  Oinblick  auf  die  Demobllifation
  und  auf  die  zukünftige  Kriegsvorbereitung  hin
geprüft  werden.  1

Diie  Aehnlichkeit  und  die  Anähnlichkeit  der  Kriegswirtschaft
  mit  der  lebergangs-  und  der  normalen  Wirtschaft
und  ihre  gegenseitigen  Beeinflussungen  mußten  sorgfältig
beobachtet  werden.

Für  die  Durchführung  aller  der  angedeuleten  Aufgaben
  mußten  die  entsprechenden  Organisationen  geschaffen
oder  wenigstens  weitgehend  ausgebaut  werden,  und  zwar
nach  den  Richtungen  der  kriegswirtschafllichen  Organisalion
des  Beschaffungswesens,  der  Nohstoffverwaltung,  der  Industrieförderung,
  der  Finanz--  und  Arbeilerfragen.

Betrachtet  man  die  Reihe  der  angedeuteten  Aufgaben,
so  sieht  man  ohne  weiteres,  daß  die  Mehrzahl  erst  im
Kriege  in  Erscheinung  gelreten  sein  kann.  In  der  Tat  bat
sich  in  den  Zeiten  der  freien  Privatwirtschaft,  wie  sie  vergleichsweise
  in  der  Wirtschaftsepoche  vor  Ausbruch  des
Weltkrieges  noch  durchgehend  herrschend  war,  die  Einflußnahme
  der  Behörden  auf  wenige  und  nur  auf  Teilgeblete
der  genannten  Punkte  erstreckt.

Was  zunächst  die  statistisch-betriebstechnische  Kenntnis
der  Rohstoffe,  ibrer  Berardeitung,  der  Leistungsfähigkeit
der  Betriebe  usw.  betrifft,  so  war  sie  im  Frieden  dürftig
und  lückenhaft.  Manches  aus  der  Technik  der  Verarbeltung
wurde  als  Geschäftsgehei#mnis  gebütet,  daber  war  die  Ausnu#zung
  der  Herstellungs=  und  Betriebsstosse  sowie  der