Full text : Blätter für Rechtsanwendung. LXXII. Band. (72)

864  Zur  Frage  der  Haftentschädigung  geisteskranker  Berbrecher.

gehandelt  habe  (vgl.  Köhler,  Komment.  S.  28)  als  Kriterium  der  Unschuld
oder  Schuld  im  Sinne  des  Entschädigungsgesetzes  ausscheiden  muß.  Der  Schwerpunkt
  der  Erörterung  liegt  darin:  Was  heißt  „die  zur  Untersuchung  gezogene
Tat“  in  §2  Abs.  2  1.  c.  setzt  sie  als  grob  unredliche  oder  unsittliche  Handlung
ein  bewußtes  Verhalten  des  Täters  voraus  (vgl.  dazu  v.  Doleschall
im  Gerichtssaal  Bd.  53  S.  270).  Dies  letztere  würde  nach  RGer.  in  Strafs.
Bd.  11  S.  58  zu  bejahen  sein,  wenn  „die  zur  Untersuchung  gezogene  Tat“
gleichbedeutend  wäre  mit  „strafbare  Handlung“  im  §5  51  StGB.  Die  Tat  eines
Geisteskranken  ist  nach  RGer.  überhaupt  keine  Handlung  im  Rechtssinne,  kann
also  auch  als  solche  nicht  Gegenstand  gerichtlicher  Untersuchung  sein.  Anders,
wenn  die  Norm  des  §  51  St  GB.  als  eine  Handlung  nur  im  Strafrechtssinne
negierend  aufgefaßt  (so  z.  B.  Olshausen,  Komment.  Anm.  12  zu  §551  St  GB.)
und  beachtet  wird,  daß  mangelnde  Zurechnungsfähigkeit  auf  Grund  positiven
Strafgesetzes  noch  nicht  den  Mangel  jeder  normalen  Bestimmtbarkeit  durch
Motive  in  sich  schließt  (vgl.  dazu  Herzog  im  Gerichtssaal  Bd.  38  S.  353  f.,
auch  Kohler,  Studien  Bd.  1  S.  111  f.).  Es  kann  dies  indes  auf  sich  beruhen
bleiben,  da  andere  Gründe  zur  Verneinung  der  zuletzt  aufgeworfenen
Frage  führen.  Zunächst  die  schon  betonte  Ausschaltung  des  Täterbewußtseins
für  das  Kriterium  des  Unschuldbegriffs.  Sodanm  die  Disposition  des  82  1.  c.
der  nur  in  seinem  1.  Absatz  dem  Entschädigungsgesetz  vom  20.  Mai  1898  nachgebildet
  ist.  Endlich  der  Wortlaut  der  Alternative  1  selbst.  Das  deutsche  Entschädigungsgesetz
  beschränkt  sich  nicht  auf  die  Fixierung  des  Selbstverschuldens  des
Verhafteten  als  Entschädigungs-Ausschließungsgrundes  (vgl.  dazu  Tobler,
Entschädigungspflicht  des  Staates  S.  46  ff.),  sondern  es  gibt  verschiedene  Maßstäbe
  für  die  Beurteilung  der  Entschädigungsfrage  an  die  Hand.  Die  Abs.  1
und  3  des  5  2  (—)  beschäftigen  sich  mit  dem  „Verhafteten“,  Abs.  1  als
vorsätzlichem  oder  grob  fahrlässigem  Urheber  der  Untersuchungshaft,  Abs.  3  als
fakultativ  Ehrverlustigen,  Polizeiobservaten,  früherem  Korrigenden,  früherem
Zuchthäusler.  Abs.  2  behandelt  dagegen  die  „Tat  des  Verhafteten“".  Nach
Abs.  3  kann  also  unter  gewissen  Einschränkungen  die  kriminelle  Bescholtenheit
des  Verhafteten,  nach  Abs.  1  sein  Verhalten  als  Ursache  der  Untersuchungshaft
zur  Ausschließung  der  Entschädigung  führen.  Nach  Abs.  2  kann  die  Tat  als
solche  die  Ausschließung  begründen.  Der  Abs.  2  differenziert  aber  weiter.  Die
erste  Alternative  läßt  eine  Ausschließung  zu  nur  bei  einer  ihrem  Inhalte
nach  grob  unredlichen  oder  unsittlichen  Tat,  also  nicht  bei  jeder  irgendwie
verwerflichen  Tat.  Die  zweite  Alternative  entzieht  fakultativ  jede  Trunkenheitstat
  i.  S.  des  §  51  StGB.  der  Entschädigungspflicht  des  Staates.1)  Die
dritte  Alternative  läßt  fakultativ  unentschädigt  die  Untersuchungshaft  wegen
einer  Tat  als  Vorbereitung  eines  Verbrechens  oder  Vergehens.  Auch  die  Fassung
der  ersten  Aternative:  „Wenn  —  die  Tat  .  .  in  sich  geschlossen  hat"
belehrt  darüber,  daß  die  Tat,  das  äußerliche  Geschehen  rein  nach  der  objektiven
  Seite  beurteilt  werden  soll.  Der  von  den  meisten  Kommentatoren
auf  Grund  einer  Aeußerung  in  den  auffallender  Weise  fast  allein  zur  Auslegung
verwandten  Gesetzesmotiven  in  die  zweite  Alternative  hineingetragene  Verschuldensbegriff
  (val.  z.  B.  Burlage  a.  a.  O.  S.  58;  Krause,  Haftentschädigung
  S.  152;  Romen  in  Allg.  österr.  Gerichtszeitung  Bd.  56  Nr.  20;
Brandis,  Entschädigung  S.  79  und  vor  allem  Köhler  im  Gerichtssaal  Bd.  64
S.  379)  ist  daher  als  contra  legem  abzulehnen.  Die  Frage  des  Verschuldens,

1)  Modifizierte  Anwendung  der  deutschen  Rechtssprichwörter:  „Trunken  gesündigt,
machterl)  Ess  „Trunken  gestohlen,  nüchtern  gehängt“".