Bethmann war der Auffassung, daß diese Partei „neben zahlreichen wirtschaftlich
und polltisch glelch unmöglichen Utopien große, ebenso von idealen
Gedanken getragene wie den polltischen und ökonomlschen Entwicklungetendenzen
der Welt angepaßte Zlele verfolge". Dlese Macht durch repressioe,
gewaltsame Maßregeln zu unterdrücken hlelt er für unmögllch und „mit den Aufgaben
staateerhaltender und aufbauender Pollilk für unverelnbar". Er bezelchnete
auch öffentlich „die Einordnung der Arbelterbewegung in die bestehende
Gesellschaft als wichtlgste Aufgabe der Zelt“. Und hat dlese Llnie „unverändert,
im Kriege mit verstärktem Nachdruck“ festgehalten. Dabei hat er freilich die
Erfahrung machen müssen, daß „der Aufgabe, dle sozlaldemokeatischen Parteien
allmählich zu einer im staatlichen Sinne positiven Arbeit hinüberzuleiten, sich
dauernd große Hemmungen entgegenstellten“, während andererselts auch dlejenigen
Parteien, welche sich selbst ale die nationalen bezeichneten, sich in einer
Weise, die er für sehr bedenklich bielt, an die „alldeutsche ##chtung“ angenähert
hatten — daß sie sich nicht frei hielten von „Allüren, welche von Mißwollenden
als Zeichen von Uberhebung gedeutet werden konnten“, und dadurch dle von
dem Reichskanzler ale Hauptaufgabe angestrebten belden Aufgaben außerordentlich
erschwerten: die Berständlgung mit England nach außen und die Versöhnung
der Arbeiterschaft mit dem Stoategedanken nach innen.
Angesichts aller dieser Gegensätze war Bethmann während seiner Kanzlerschaft
aufo eifrigste bestrebt gewesen, „die Reglerung über den Parteien zu
halten“ — mit dem Ergebnie, daß er an keiner der großen Gruppen einen rechten
Rückbalt hatte. Namentlich hatte jenes berühmte Bekenntnule, das er im Beichstag
abgelegt hatte, und in dem er den Einmarsch in Belglen als ein Unrecht bezeichnete,
das nur umsere Not entschuldige, ihm schwere Anfeindung in niilitdrischen
und militaristisch gestimmten Kreisen dee Volkee eingetragen. Zn Uberelnstimmung
mit dem Generalstabeschef Moltke hatte er die Kriegserklärung an
Rußland und Frankreich vor Eröffnung der Feindsellgkeiten für erforderlich gebalten
und durchgesetzt. Vorher hatte er sich ln hlugebender Weise, gonz im
Sinne des Kalsers, für dle Erbaltung des Friedens bemüht.
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