Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Bethmann  war  der  Auffassung,  daß  diese  Partei  „neben  zahlreichen  wirtschaftlich
  und  polltisch  glelch  unmöglichen  Utopien  große,  ebenso  von  idealen
Gedanken  getragene  wie  den  polltischen  und  ökonomlschen  Entwicklungetendenzen
  der  Welt  angepaßte  Zlele  verfolge".  Dlese  Macht  durch  repressioe,
gewaltsame  Maßregeln  zu  unterdrücken  hlelt  er  für  unmögllch  und  „mit  den  Aufgaben
  staateerhaltender  und  aufbauender  Pollilk  für  unverelnbar".  Er  bezelchnete
  auch  öffentlich  „die  Einordnung  der  Arbelterbewegung  in  die  bestehende
Gesellschaft  als  wichtlgste  Aufgabe  der  Zelt“.  Und  hat  dlese  Llnie  „unverändert,
im  Kriege  mit  verstärktem  Nachdruck“  festgehalten.  Dabei  hat  er  freilich  die
Erfahrung  machen  müssen,  daß  „der  Aufgabe,  dle  sozlaldemokeatischen  Parteien
allmählich  zu  einer  im  staatlichen  Sinne  positiven  Arbeit  hinüberzuleiten,  sich
dauernd  große  Hemmungen  entgegenstellten“,  während  andererselts  auch  dlejenigen
  Parteien,  welche  sich  selbst  ale  die  nationalen  bezeichneten,  sich  in  einer
Weise,  die  er  für  sehr  bedenklich  bielt,  an  die  „alldeutsche  ##chtung“  angenähert
hatten  —  daß  sie  sich  nicht  frei  hielten  von  „Allüren,  welche  von  Mißwollenden
als  Zeichen  von  Uberhebung  gedeutet  werden  konnten“,  und  dadurch  dle  von
dem  Reichskanzler  ale  Hauptaufgabe  angestrebten  belden  Aufgaben  außerordentlich
  erschwerten:  die  Berständlgung  mit  England  nach  außen  und  die  Versöhnung
  der  Arbeiterschaft  mit  dem  Stoategedanken  nach  innen.

Angesichts  aller  dieser  Gegensätze  war  Bethmann  während  seiner  Kanzlerschaft
  aufo  eifrigste  bestrebt  gewesen,  „die  Reglerung  über  den  Parteien  zu
halten“  —  mit  dem  Ergebnie,  daß  er  an  keiner  der  großen  Gruppen  einen  rechten
Rückbalt  hatte.  Namentlich  hatte  jenes  berühmte  Bekenntnule,  das  er  im  Beichstag
  abgelegt  hatte,  und  in  dem  er  den  Einmarsch  in  Belglen  als  ein  Unrecht  bezeichnete,
  das  nur  umsere  Not  entschuldige,  ihm  schwere  Anfeindung  in  niilitdrischen
  und  militaristisch  gestimmten  Kreisen  dee  Volkee  eingetragen.  Zn  Uberelnstimmung
  mit  dem  Generalstabeschef  Moltke  hatte  er  die  Kriegserklärung  an
Rußland  und  Frankreich  vor  Eröffnung  der  Feindsellgkeiten  für  erforderlich  gebalten
  und  durchgesetzt.  Vorher  hatte  er  sich  ln  hlugebender  Weise,  gonz  im
Sinne  des  Kalsers,  für  dle  Erbaltung  des  Friedens  bemüht.

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