Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Zweiter Jahrgang. 1886. (27)

46  das  denisthe  Reith  und  seine  einzelnen  Glieder.  (Febr.  Anf.  6.)

Leitung  steht,  und  bei  welcher  die  Lehrer  verpflichtet  sind,  mitzuwirken  bis
zu  sechs  Stunden  wöchentlichen  Unterrichts.  Unser  Priester-Seminar  in
St.  Peter,  keinem  andern  Deutschlands  nachstehend,  wirkt  seit  mehr  als  dreißig
Jahren  ungestört.  Zur  Seite  der  theologischen  Fakultät  in  Freiburg,  die
in  neuester  Zeit  mit  vorzüglichen  Lehrkräften  vermehrt  worden,  ist  an  der
Stelle  des  unterdrückten  Konvikts  das  Pensionat  eines  Professors  der  Theologie,
  in  welchem  die  Theologie  Studierenden  zu  einer  gemeinsamen  Lebensweise
  unter  Leitung  eines  anerkannt  trefflichen  Priesters  vereinigt  sind.  Auf
der  Stelle  der  aufgehobenen  Knaben-Seminare  haben  sich  die  Pensionate  in
Konstanz,  Freiburg,  Tauberbischofsheim  erhoben,  in  denen  über  200  Studierende
  der  betreffenden  Gymnasien  unter  der  Leitung  eifriger  Priester  erzogen
  werden.  Die  kirchliche  Vermögensverwaltung  erfolgt  nach  Vereinbarung
  zwischen  Staat  und  Kirche.  Der  finanziellen  Besserstellung  der  Geistlichen
  kommt  die  großherzogliche  Regierung  durch  jährlichen  Staatszuschuß
von  200,000  —/áN  entgegen.  Der  anstößige  Revers  erscheint  in  neuester  Regierungsvorlage
  beseitigt.  Wir  überlassen  nun  der  Beurteilung  der  katholischen
  Bevölkerung,  ob  wir  richtig  gehandelt,  oder  Anlaß  zu  Tadel  gegeben
haben.  Unsere  Gewissen  sind  ruhig.  Wir  haben  den  Rechten  der  Kirche
noch  in  keinem  Punkte  vergeben  und  werden  solches  auch  nie  thun.  Wir
müssen  aber  mit  den  thatsächlichen  Verhältnissen  rechnen  und  diese  empfehlen
uns  Besonnenheit  und  Mäßigung,  von  denen  wir  nicht  abweichen  werden.
Karlsruhe,  6.  Februar  1886.  gez.  Lender,  Birkenmayer,  Fehrenbach,  Förderer,
Kern,  Kieser,  Lauck,  Mayr,  Nopp,  Reichert.

Die  Erklärung  ist  nicht  unterschrieben  von  dem  Abg.  Wacker  und
Junghanns  und  2  anderen  abwesenden  Abgeordneten.  Der  Abg.  Wacker
tritt  infolge  dieser  Vorfälle  aus  der  Partei  aus.

Anfang  Februar.  Zum  Erzbischof  von  Posen  wird  der

Probst  Julius  Dinder  ernannt.

Die  Ernennung  wird  am  26.  März  seitens  der  Regierung  bestätigt.
Dinder  ist  ein  geborener  Deutscher,  welcher  der  polnischen  Sprache  mächtig
ist.  Der  staatlich  abgesetzte  Erzbischof  Ledochowski  verzichtet  auf  sein  Amt

In  der  polnischen  Presse  wird  diese  Ernennung  mit  großer  Bestürzung
aufgenommen;  von  Galizien  aus  wird  eine  Adresse  an  den  Papst  in  Umlauf
gesetzt,  in  welcher  um  Rückgängigmachung  dieser  Ernennung  gebeten  wird;
die  Adresse  erhält  schnell  eine  große  Anzahl  von  Unterschriften,  bis  in  der
ultramontanen  Presse  dringend  vor  der  Unterzeichnung  derselben  gewarnt  wird.

3.  Februar.  (Unfallversicherung.)  Reichstag:  überweist
den  Gesetzentwurf,  betr.  die  Unfall-  und  Krankenversicherung  der  in
land=  und  forstwirtschaftlichen  Betrieben  beschäftigten  Personen,  an

eine  Kommission.

4.  Februar.  Reichstag:  nimmt  den  Gesetzentwurf,  betr.  die
Fürsorge  für  Beamte  und  Personen  des  Soldatenstandes  infolge  von
Betriebsunfällen,  in  zweiter  Lesung  an.  (Vgl.  1885,  21.  Nov.)

6.  Februar.  (Preußen.)  Üüber  das  Bestätigungsrecht
der  Regierung  bei  Kommunalwahlen  macht  der  Minister  des  Innern
v.  Puttkamer  bei  der  Beratung  des  Etats  seines  Ministeriums
folgende  Ausführungen: