Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

Leisxız  und  der  Gedanke  der  Akademicen.  2]

ernsthaft  um  das  grosse  Werk  bemüht.  Aber  die  Theologen  beider
evangelischer  Kirchen  waren  —  einzelne  hervorragende  Männer  abgerechnet
  —  noch  nicht  reif  dafür,  und  so  musste  es  aufgegeben  werden,
zumal  da  die  Aufklärung  bald  die  Orthodoxie  in  dieser  Angelegenheit
unterstützte.  Sie  hielt  es  nicht  mehr  für  nöthig,  sich  um  die  »absterbenden«
  Gebilde,  die  Confessionen,  überhaupt  noch  zu  kümmern.

Der  Plan  der  Kirchen-Reunionen,  so  lebhaft  und  ausdauernd
ihn  auch  Lrıgnız  betrieben  hat,  tritt  doch  zurück  hinter  dem  eigentlichen
  Plane  seines  Lebens,  auf  dem  Boden  der  Wissenschaft  das
Vaterland  und  die  Völker  zu  einigen,  ja  er  ist  diesem  durchaus  untergeordnet
  gewesen.  Als  das  wichtigste  Mittel  aber  für  die  Beförderung
  des  allgemeinen  Fortschritts  und  einer  productiven  Aufklärung
vermittelst  der  Wissenschaft  erschien  ihm  die  Stiftung  von  Societäten'.
  »Der  Gedanke  der  Stiftung  von  Societäten  zu  wissenschaftlich-praktischen
  Zwecken  in  der  Gestaltung,  wie  sie  der  Seele  von
Leienız  vorschwebte,  ist  nicht  nur  ein  ein-  oder  mehrmaliger,  durch
zufällige  Umstände,  durch  glückliche  Gelegenheiten  vielleicht  hervorgelockter,
  sondern  er  entspringt  unmittelbar  aus  der  sittlichen
und  intellectuellen,  ja  dass  ich  sage,  aus  der  religiösen  Grundanschauung
  von  Leisniz’.«  Seine  ersten  Entwürfe  zur  Errichtung  von
Societäten  oder  vielmehr  zur  Organisirung  der  gesammten  wissenschaftlich-praktischen
  Arbeit  und  zur  Sammlung  aller  geistigen
Kräfte  im  Dienste  productiven  Schaffens  ‘stammen  aus  dem  Jahre
1667,  als  er  einundzwanzig  Jahre  alt  war;  seine  letzten  Bemühungen
  um  die  grosse  Sache  sind  vom  23.  October  1716  datirt,  siebzelın
  Tage  vor  seinen  Tode.

4,

Der  Gedanke  der  »  Akademieen«  oder  »Societäten«  ist  eine  Erbschaft
  des  auf  Plato  und  seine  Schule  gerichteten  Renaissancezeitalters;
  aber  er  wurde  erst  im  17.  und  anfangenden  18.  Jahrhundert
fruchtbar  gemacht.  Die  Neugründung  von  Universitäten  in  den  proı

  Mit  »Zeitschriften«  und  »Dictionnaires«  allein,  so  hoch  Leizxız  deu  Journalismus
  als  neues  Mittel  des  Fortschritts  schätzte,  gab  er  sich  nicht  zufrieden  (im
Jahre  1697  erschien  das  berühmte  Dietionnaire  von  BAyLE);  er  wusste,  um  mit
GoETHE  zu  reden.  dass  es  auch  in  der  Wissenschaft  nicht  ınit  dem  Wissen  allein
gethan  ist,  dass  vielmehr  Thaten  und  Organisationen  nötlhig  sind.  Eben  deshalb
wollte  er  Akademieen  stiften.

?  Krorr,  Lreisxız’  Plan  der  Gründung  einer  Societät  der  Wissenschaften  in
Wien  (Archiv  f.  österreich.  Gesch.  40.  Bd.  1869  S.160).