Full text : Zwang und Freiheit in der Jugendpflege.

98  Aussprache.

Wesentliche  der  Jugendpflege  herauszustellen  —  und  ich  bin  dem
Gange  der  Verhandlungen  sehr  dankbar,  daß  er  mir  noch  einmal
diesen  Anlaß  gegeben  hat  —  und  zum  anderen,  um  zu  sagen,  daß  die
Frage  der  weiblichen  Pflichtfortbildungsschule  in  der  Weise  etwa
in  Angriff  genommen  werden  kann,  daß  wir  im  Prinzip  die  Pflichtfortbildungsschule
  auf  das  Fach  aufbauen,  aber  daß,  wenn  wir  aus
nationalem  Interesse  eine  allgemeine  hauswirtschaftliche  und  mütterliche
  Erziehung  der  Mädchen  sichern  wollen,  wir  sie  nun  noch  hineinnehmen
  in  einen  durch  drei  oder  vier  Jahre  hindurch  fortgesetzten
  Pflichtfortbildungsschulunterricht.  Dabei  ist  auch  Zeit  genug
gegeben,  meine  ich  wenigstens,  sich  mit  diesen  Aufgaben  innerlich  .
befreunden  und  sie  stärker  zu  durchdringen  als  in  einem  etwa  halb
jährigen,  wenn  auch  intensiven  Betriebe,  fie  auch  tiefer  zu  erfassen  als
in  einem  Unterrichte,  der  unmittelbar  nach  der  Volksschulpflicht  einsetzt.
  Denn  darüber  dürfen  wir  uns  nicht  täuschen:  wir  neigen  im
allgemeinen  dazu,  die  Reife  unserer  Jugend  nicht  zu  unterschätzen,
sondern  zu  überschätzen.

Vera  Freiin  v.  Brachel,  Burg  Tetz,  Kreis  Jülich  (Jugendpflegekommission
  des  Vereins  katholischer  deutscher  n-Ich
  darf  den  Worten,  die  Fräulein  Oberlehrerin  Schmitz
die  Vorsitzende  unseres  Vereins,  über  die  Fortbildungsschule
gesagt  bat  als  Vertreterin  der  Jugendpflegekommission  no
ein  paar  Sätze  hinzufügen.  Die  Jugendpflegekommission  hat  si
von  der  Ansicht  leiten  lassen,  daß  bei  der  heutigen  wirtschaftlichen
  und  finanziellen  Lage  eine  Durchführung  der  Fortbildungsschulpflicht
  für  die  Mädchen  wohl  einstweilen  unmöglich  sein  dürfte,
und  zwar  auf  längere  Jahre  hinaus.  Sie  ist  deshalb  in  allerletzter
Zeit  an  die  Regierung  mit  der  Bitte  herangetreten,  wenigstens  ein
Mindestmaß  von  Fortbildungsschulunterricht  oder  Jugendpflege  einzuführen,
  und  zwar  in  der  Form,  daß  alle  Mädchen  verpflichtet  werden,
an  wenigstens  zwei  Abendstunden  oder  Wochenstunden,  die  nach  örtlichen
  Verhältnissen  zu  regeln  wären,  sich  einzufinden  zu  einer  Art
von  Kursus.  Dieser  Kursus  kann  natürlich  keinen  großen  Wissensstoff
  vermitteln.  Als  Themen  sind  vorgesehen  die  elementarsten
Kenntnisse  der  Hauswirtschaft,  ferner  eine  Unterweisung  über
Krankenpflege,  Gesundheitspflege,  über  Säuglingspflege  und  Erziehungslehre.
  Die  Mädchen  sollen  verpflichtet  sein,  von  der  Schulentlassung
  an  drei  Jahre  hindurch  diese  Kurse  zu  besuchen.  Den
Hauptzweck  sieht  die  Jugendpflegekommission  darin,  daß  auf  diese
Weise  die  Mädchen  nicht  durch  Abzug  oder  Zuzug  einfach  im  Strome
verschwinden  können  und  gar  nicht  durch  die  Jugendpflege  erfaßt
werden.  Wir  hoffen,  daß  gerade  durch  diese  wöchentliche  Sammlung
es  den  einzelnen  freiwilligen  Organisationen  möglich  sein  wird,  die
Mädchen  mehr  kennen  zu  lernen  und  sie  für  die  einzelnen  Organisationen
  zu  gewinnen.  Natürlich  sieht,  wie  schon  aus  den  Ausführungen
  von  Fräulein  Oberlehrerin  Schmitz  hervorgeht,  der
Verein  in  dieser  Einrichtung  nur  einen  Notbehelf  bis  zu  einer  Zeit,
wo  uns  Besseres  und  Größeres  für  unsere  Mädchenwelt  beschert