Full text : Fünfzig Jahre aus Preußens und Deutschlands Geschichte.

336  Der  Feldzug  der  Mainarmee.

Die  Nachricht  vom  Abschluß  der  Waffenruhe  hatte  die  zweite  Reserve—
armee,  zusammengesetzt  aus  preußischen  und  mecklenburgischen  Truppen  nebst
andern  Kontingenten  ihrer  Verbündeten,  noch  nicht  erreicht.  Der  Großherzog
  von  Mecklenburg-Schwerin,  der  sie  befehligte,  war  über  Hof  in  Bayern
eingerückt,  hatte  am  28.  Juli  Baireuth  besetzt  und  Oberfranken  für  Preußen
in  Besitz  genommen.

Von  Baireuth  weiter  vorrückend,  stieß  die  Avantgarde  des  Großherzogs
am  29.  Juli  bei  dem  Dorfe  Lehen  auf  bayrische  Infanterie,  griff  dieselbe
an  und  warf  sie  zurück.  Die  Reservearmee  besetzte  darauf  Nürnberg.  Von
der  alten  Kaiserburg,  auf  welcher  einst  die  Hohenzollern  das  Burggrafenamt
geübt,  wehte  ihr  schwarzweißes  Banner  nieder.

Nachdem  der  Waffenstillstand  weiteren  kriegerischen  Operationen  auch
hier  ein  Ziel  gesetzt,  ruhten  die  Waffen  bald  überall.  In  Süddeutschland
ward  eine  Abgrenzungslinie  gezogen,  welche  die  Kriegführenden  trennte.
Mannheim,  Heidelberg  in  Baden,  Mergentheim  in  Württemberg,  Würzburg,
Nürnberg,  Baireuth  in  Bayern  blieben  einstweilen  von  den  Preußen  besetzt.
Mit  der  zweiten  Reservearmee  trat  von  Böhmen  aus  die  erste  unter  General
von  der  Milbe  in  Verbindung,  von  welcher  Abteilungen  bis  in  die  Oberpfalz
  einrückten.  Vom  aufgelösten  VIII.  Bundeskorps  zogen  bald  darauf  die
Badenser  und  Württemberger  in  ihre  Heimat,  die  Osterreicher  ebenfalls;  den
Darmstädtern  wurden,  weil  ein  Teil  des  Großherzogtums  vorerst  noch  von
den  Preußen  besetzt  gehalten  ward,  Kantonnements  in  Rheinhessen  angewiesen.

Begreiflich  aber  gleichwohl  ungerecht  war  es,  daß  man  besonders  in
nichtmilitärischen  Kreisen  der  süddeutschen  Staaten  die  erlittene  Niederlage  in
erster  Linie  den  Heerführern  zur  Last  legte;  selbst  ein  von  der  Tann  blieb
von  Vorwürfen  und  Angriffen  in  dieser  Richtung  nicht  verschont.  Thatsächlich
  lag  die  Schuld,  wenn  unter  den  obwaltenden  Verhältnissen  von  einer
solchen  gesprochen  werden  kann,  vor  allem  bei  der  unzweckmäßigen  obersten
Leitung.  Gewiß  sind  in  einzelnen  Fällen  auch  seitens  der  untergeordneten
Führer  Fehler  gemacht  worden;  aber  im  großen  und  ganzen  haben  sich  damals
die  süddeutschen  Truppen  wacker  geschlagen  und  ihre  Befehlshaber  dasjenige
geleistet,  was  unter  ungünstigen  Umständen  zu  leisten  möglich  war.  Dieselben
bayrischen,  württembergischen,  badischen  und  hessischen  Soldaten  und  Heerführer,
  die  1866  als  Gegner  den  Preußen  nicht  gewachsen  waren,  haben  sich
ihnen  1870  als  Kampfgenossen  im  Kriege  gegen  Frankreich  völlig  ebenbürtig
  gezeigt,  und  wenn  sie  eine  Scharte  auszuwetzen  hatten,  bei  Wörth
und  Weißenburg  und  auf  so  manchem  andern  Schlachtfeld  in  Frankreich  haben
sie  es  in  ruhmvollster  Weise  gethan.

Wir  sind  mit  unsrer  Darstellung  des  Verlaufs  des  Feldzuges  auf  dem
westlichen  Kriegsschauplatz  zu  Ende  und  kehren  nun  auf  kurze  Zeit  nochmals
auf  die  Schlachtfelder  Böhmens  zurück.