Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Sechzehnter Jahrgang. 1900. (41)

304  Asien.  (Juni  17.)

Tages  griffen  die  Boxers  die  englische  Wache  an,  die  zum  Schutze  der  Station
Lofa  zurückgelafsen  worden  war.  Es  wurden  Verstärkungen  dorthin  abgeschickt,
  und  wieder  wurde  der  Feind  mit  einem  Verlust  von  ungefähr
100  Mann  zurückgetrieben,  von  unseren  Leuten  wurden  zwei  Matrosen
verwundet.  Bei  unserer  Ankunft  in  Anting  fanden  wir  die  Eisenbahn  so
beschädigt,  daß  jedes  Vorwärtskommen  mit  der  Eisenbahn  unmöglich  war.
Wir  beschlossen  deshalb,  nach  Yangtsun  zurückzukehren,  um  dort  eine  Expedition
  zu  organisieren,  welche,  dem  Flusse  folgend,  nach  Peking  marschieren
  sollte.  Nach  meinem  Abgange  von  Langfang  wurden  zwei  Züge,
die  unseren  Truppen  folgen  sollten,  am  18.  Juni  von  Boxers  und  keiserlichen
  Truppen,  die  von  Peking  gekommen  waren,  angegriffen.  Die  Chinesen
hatteu  400  bis  500  Tote,  unsere  Verluste  beliefen  sich  auf  6  Tote  und
48  Verwundete.  Diese  beiden  Züge  erreichten  mich  in  Yangtsun,  wo  der
Schienenweg  ebenfalls  vollständig  zerstört  war.  Da  wir  knapp  an  Proviant
waren  und  die  Verwundeten  uns  hinderlich  waren,  mußten  wir  nach  Tientfin
zurückkehren,  von  wo  wir  seit  sechs  Tagen  keine  Nachricht  hatten.  Die
Verwundeten  wurden  am  19.  Juni  auf  ein  Boot  gebracht  und  das  Detachement
  trat  den  Marsch  längs  des  Flusses  an.  In  allen  Dörfern  stießen
wir  auf  Widerstand;  in  einem  Dorfe  geschlagen,  zogen  die  Aufständischen
sich  auf  ein  benachbartes  Dorf  zurück  und  besetzten  gut  gewählte  Stellungen,
von  denen  aus  sie  unseren  Weitermarsch  aufhielten;  sie  mußten  aus  diesen
Stellungen  vielfach  mit  dem  Bajonett  und  unter  mörderischem  Feuer  vertrieben
  werden.  Am  23.  Juni  machten  wir  einen  Nachtmarsch  und  erreichten
bei  Tagesanbruch  das  oberhalb  Tientsin  gelegene  kaiserliche  Arsenal,  woa
Chinesen,  nachdem  sie  uns  erst  freundlich  entgegengekommen  waren,  in  verräterischer
  Weise  Feuer  auf  uns  eröffneten.  Es  gelang  uns,  die  Stellung
zu  umgehen  und  ein  Geschütz  wegzunehmen.  Während  dieser  Zeit  gelang
es  den  Deutschen  ein  wenig  weiter  vorn  zwei  Geschütze  zum  Schweigen  zu
bringen  und  sich  ihrer,  nach  Ueberschreitung  des  Flusses,  zu  bemächtigen.
Hierauf  wurde  das  Arsenal  von  den  verbündeten  Truppen  besetzt.  Die
Chinesen  versuchten  noch  an  demselben  und  auch  am  folgenden  Tage  vergebens,
  das  Arsenal  wieder  zu  nehmen.  Im  Arsenal  fanden  wir  Geschütze
und  Gewehre  neuesten  Modells.  Wir  richteten  mehrere  Geschütze  ein  und
bombardierten  die  etwas  nach  vorn  gelegenen  chinesischen  Forts.  Da  wir
im  Arsenal  Munition  und  Reis  gefunden  hatten,  hätten  wir  uns  dort
einige  Tage  halten  können,  da  wir  aber  durch  die  Verwundeten  gehindert
wurden,  baten  wir  um  Hilfe  von  Tientsin,  die  am  25.  Juni  eintraf.  Am
26.  Juni  sind  wir  in  Tientsin  angekommen;  das  Arsenal  haben  wir,  ehe
wir  es  verließen,  in  Brand  gesteckt.  Es  betragen  die  Verluste  der  Engländer
  27  Tote,  97  Verwundete;  der  Amerikaner  4  Tote,  28  Verwundete;
der  Franzosen  1  Toter  10  Verwundete;  der  Deutschen  12  Tote,  62  Verwundete;
  der  Italiener  5  Tote  3  Verwundete;  der  Japaner  2  Tote,  3  Verwundete;
  der  Oesterreicher  1  Toter,  1  Verwundeter;  der  Russen  10  Tote,
27  Verwundete.

17.  Juni.  (China.)  Die  Takuforts  eröffnen  das  Feuer
auf  die  europäischen  Kriegsschiffe  und  werden  erstürmt.  Gleichzeitig
  wird  Tientsin  vom  Prinzen  Tuan  angegriffen,  es  kann  erft
am  23.  Juni  befreit  werden.  In  den  nächsten  Tagen  finden  neue
Kämpfe  mit  Chinesentruppen,  die  Tientsin  einschließen,  statt.  —
Bei  der  Erstürmung  der  Takuforts  werden  21  Europäer  getötet
und  57  verwundet.