Contents : Geschichte des deutsch-französischen Krieges 1870 und 1871.

Schlacht  bei  Gravelotte.  77

allen  Punkten  so  rasch  wieder  entgegen,  daß  letzterer  trotz  aller  An—
strengungen  sich  nicht  aus  seinen  befestigten  Punkten  vorwagen  konnte.
In  ähnlicher  Weise  wie  General  Strubberg  waren  die  Offiziere  der
verschiedenen  Truppentheile,  selbst  die  Verwundeten  unausgesetzt  bemüht,
  durch  Zurufen  und  persönliches  Eingreifen  die  Soldaten  um
sich  herum  zu  scharen,  und  in  zahlreichen  kleinen  Kolonnen  wurde  dem
Feinde  immer  von  neuem  wieder  Front  geboten.  Die  wackere  Bri—
gade,  von  Minute  zu  Minute  immer  mehr  zusammenschmelzend,  hielt
standhaft  aus,  bis  es  unseren  Batterien  gelang,  die  Höfe  Moscou,
Leipzig,  St.  Hubert  und  Point  du  Jour,  aus  denen  die  Feuerschlünde
des  Feindes  uns  durch  gedecktes  Kreuzfeuer  beherrschten,  total  zu  de—
moliren  und  so  den  Feind  aufs  nackte  Feld  hinauszutreiben.  Bei
diesen  Akzionen  der  Strubberg'schen  Brigade  konnte  man  in  jedem
Stadium  des  blutigen  Kampfes  sich  überzeugen,  wie  unwiderstehlich
das  Beispiel,  die  Bravour  unsrer  Offiziere  selbst  die  wankendsten  Ele—
mente  der  Truppen  mit  sich  fortreißt  in  den  dichtesten  Kugelregen,
wenn  der  Offizier  durch  seinen  todesverachtenden  Heldenmuth  gleich—
sam  als  sammelnder  Magnet  die  zersprengten  oder  geschreckten  Truppen
an  sich  zieht.  Daß  diese  mächtige  Wechselwirkung  zwischen  Offizieren
und  Mannschaften  in  diesem  Kampfe  so  vielfach  zu  Tage  getreten,
zeugt  für  den  vortrefflichen  Geist,  der  im  preußischen  Offizierkorps
herrscht  und  das  Höchste  zu  leisten  verspricht.“

Das  Dorf  Gravelotte  und  die  französischen  Posizionen  zu  beiden
Seiten  des  Dorfes  Verneville  waren  am  Nachmittage  in  den  Händen
der  Preußen,  weiter  aber  konnte  man,  trotz  der  gewaltigsten  Anstren—
gungen,  kein  Terrain  gewinnen.  Mehrere  Stürme  gegen  die  steilen
Abhänge  wurden  durch  das  hageldichte  Feuer  der  Franzosen  unter
den  schwersten  Verlusten  zurückgeworfen,  und  man  mußte,  ehe  man
im  Süden  weiter  vorgehen  konnte,  das  Eingreifen  der  Garde  und
der  Sachsen  abwarten.

Gegen  Mittag  war  die  preußische  Garde  vor  den  französischen
Posizionen  angelangt.  Zwischen  den  beiden  Dörfern  St.  Marie  aux
Chènes  und  St.  Privat  la  Montagne  zeigte  der  Feind  ansehnliche
Streitkräfte.  Südöstlich  von  letzterem  Orte  gewahrte  man  die  Höhen,
gegen  welche  das  9.  Armeekorps  kämpfte.