Metadaten : Preußische Geschichte. Vierter Band. (4)

110  Zweites  Buch.  Der  Bau  des  Einheitostaates.

mit  alledem  meinte  man  auf  den  Geist  der  Universitäten  zu
wirken!  Die  zu  ahndenden  Verbrechen  aber  waren  das  Tragen
von  bunten  Mützen,  langem  Haar  und  altdeutscher  Kleidung.
Die  so  Betroffenen  wurden  von  der  Universität  ausgeschlossen,
während  denen,  die  sich  solch  „unsittlichen  Richtungen“  fern—
hielten,  besondere  Fürsorge,  Teilnahme  und  Förderung  verheißen
wurde!

Ein  Einhalten  auf  dieser  abschüssigen  Bahn  war  kaum
noch  möglich:  selbst  die  Vergangenheit  vergewaltigte  man.  Den
Neudruck  von  Fichtes  Reden  an  die  deutsche  Nation  verbot  die
Zensur  1824,  ebenso  von  Huttens  Dialogen:  so  freche  Reden
gegen  die  katholische  Kirche  seien  nicht  zu  dulden.  Die  Berufung
an  das  Oberzensurkollegium  (S.  104)  blieb  natürlich  erfolglos.
Die  Zensurbehörden  anderer  Bundesstaaten  wurden  von  den
prenßischen  als  nicht  streng  genug  rektifiziert:  der  ganze  umfangreiche
  Brockhaussche  Verlag,  der  doch  bereits  die  sächsische
Zensur  passiert  hatte,  mußte  vor  der  Zulassung  auch  noch  die
preußische  passieren.  Den  demagogischen  Umtrieben  im  Kreise
der  besonders  beargwöhnten  höheren  Beamten  auf  die  Spur  zu
kommen  und  Beweise  für  die  Schuld  der  Verdächtigten  zu  erlangen,
  nahm  man  unbedenklich  seine  Zuflucht  zur  Verletzung
des  Briefgeheimnisses:  Stein,  Niebuhr,  Humboldt  hatten  das
zu  erfahren.  In  mancher  Leute  Augen  lag  auf  diesem  Gebiet
das  Hauptverdienst  des  seit  1821  dem  Postwesen  vorgesetzten
Staatsrates  Nagler.

Daß  Preußen  unter  diesen  Umständen  keine  Sympathien
in  Deutschland  gewann,  war  nur  natürlich.  Der  alten  rheinbündlerischen
  Abneigung  der  Süddeutschen  verhalf  seine  Haltung
vielmehr  zu  dem  bequemen  Schein  voller  Berechtigung  und
moralischer  Verdienstlichkeit.  Es  galt  bald  für  außerdeutsch  und
schließlich  für  undentsch,  und  die  Meinung  gewann  immer  mehr
Anhänger,  eine  befriedigende  Gestaltung  seiner  nationalen  Zukunft
  habe  Deutschland  nur  zu  hoffen,  wenn  es  sich  ebenso  wie
von  Oesterreich  auch  von  Preußen  löse.  In  diesem  Satze  gipfelten
die  Deduktionen  des  1821  erschienenen  „Manuskripts  aus  Süddeutschland“",
  in  dem  unter  dem  Pseudonym  Gustav  Erichson
ein  Kurländer,  F.  L.  Lindner,  weniger  seine  eigenen  Gedanken