Haese, Das gewerbliche Schulwesen. 455
vergeblich. Sie können nur durch das gesunde Urteil der Einschhoen
beseitigt werden. Alle, welche die Ueberzeugung von der
großen Bedeutung der guten Sache i in sich tragen, müßten sich deshalb
an die besonnenen, die ruhig, vorsichtig und vornehm denkenden
Bürger unseres Vaterlandes wenden, um aus der Sache heraus das
Verständnis für diesen Zweig der Kulturarbeit zu erschließen. — Daß
die Zentralstelle für Volkswohlfahrt dem gewerblichen Schulwesen
besondere Aufmerksamkeit widmet, wird von den Schulmännern mit
Freuden begrüßt.
Zur Klarstellung des Themas ist zunächst notwendig, kurz auf das
Verhältnis des Begriffes „Erziehung"“ zu „Bildung“ und einigen
abgeleiteten Begriffen hinzuweisen. Die „Erziehung“ ist der weitere
Begriff, der die gesamte Arbeit umfaßt, die der Kulturmensch den
beranwachsenden Generationen angedeihen läßt, um sie auf den Stand
der Kulturhöhe zu heben, von dem aus sie selbständig sich im Kulturleben
betätigen können. Sie hat mehr allgemeinen Charakter und
stellt deshalb die Sittlichkeit in den Vordergrund. Wenn wir aus dem
Begriffe der Erziehung den der „Berufserziehung“ aussondern, so geht
sie auf ein angewandtes Gebiet über. Die Berufserziehung umfaßt
zwei Laupttätigkeiten Die Berufsbildung und die Berufsausbildung.
Beide lassen sich von dem Erziehungsbegriffe nicht abtrennen. „Berufsbildung“
weist auf das schwer abzugrenzende Wort „Bildung“
hin, für das Kant den Ausdruck „Kultur“ gebrauchte. Bildung bezeichnet
aber heute mehr als das Wort „Kultur“ sie wendet sich an
jeden einzelnen Menschen; sie kennzeichnet seine Erkenntnisspannung
und seine Willenshandlung:; sie umfaßt sowohl den Gehalt seines
inneren geistigen Lebens als auch die geistige Gestaltungskraft; sie
ist ein Produkt geistiger Arbeit, der Bildungsarbeit, an einer Person;
sie ist nur denkbar, wenn die geistige Arbeit der zu bildenden Personen
mit der Bildungsarbeit derjenigen Personen zusammenwirkt,
die ein ausreichendes Maß von Bildung besitzen. — Wenn das
Bildungsmaterial, die Bildungselemente, aus einem bestimmten Beruf
entnommen werden und auf die Anwendung in einem bestimmten
Beruf abeielen, so spricht man von „Berufsbildung“. Es ist
notwendig, deutlich darauf hinzuweisen, daß Bildung und Berufsbildung
in Hinsicht auf ihr Wesen durchaus nichts Verschiedenes bedeuten.
Sie unterscheiden sich nur in der Auswahl der Bildungsstoffe
und durch die bestimmte Richtung der Anwendung, die auch
zugleich Berufskenntnisse vermittelt. Zu der entgegengesetzten Auffassung
hat das Wort „allgemeine Bildung“ beigetragen, in
das man im Sprachgebrauch entweder ein beschränktes Maß der
Bildungsstoffe hineingelegt hat oder grundsätzlich die Anwendung
auf einen bestimmten Beruf ausschließen will. Bei dieser Auffassung
übersieht man aber, daß das „Allgemeine“ nicht in der
auberlichen Kennzeichnung des Maßes, auch nicht in der Auswahl des
t
Stoffes zu suchen ist, sondern im Geistesleben des Menschen. Berufs-’#i
it und bleibt Bildung, wie jede andere.
Auf diese Tatsache mußten wir uns bisher stützen, um die gewerblichen
Schulen im Rahmen der gesamten Bildungsarbeit als scharf