Full text : Gesetz-Sammlung für die Königlich Preußischen Staaten. 1864. (55)

6.  Januar  Sechzehntes  Kapitel  17

werde.  —  Ein  Brief  des  Königs  von  Schweden,  an  einen  Kommandanten
  Verrier  in  Erfurt  gerichtet,  soll  als  unbestellbar  zurückgehen.
Die  uns  bekanntermaßen  wenig  wohlwollende  schwedische  Majestät
sagt  darin  —  beiläufig  in  üblem  Französisch  und  mit  vielen  orthographischen
  Fehlern  —,  sie  sei  betrübt,  „mit  gekreuzten  Händen“
dem  Kampfe  zusehen  und  „ihr  Brot  in  Frieden  essen“  zu  müssen.
Nous  nous  armons  tardivement,  hélas!  mais  avec  vigueur,  et
Jespöre  due  la  jour  de  vengeance  arrivera.  —  Vengeance?
Wofür  hätte  sich  denn  Schweden  an  uns  zu  rächen?  —  In  Rumänien
  scheint  Fürst  Karl  es  bei  den  dortigen  Roten  in  der  That
nicht  mehr  aushalten  zu  können  und  an  Abdankung  und  Abreise
zu  denken.  „Wir  haben  kein  politisches  Interesse  an  Rumänien.“1  —
Der  Chef  hat  eine  Vorstellung  an  den  König  gerichtet,  in  der  er
aus  politischen  Gründen,  weil  wir  nur  so  die  Ordnung  in  den  von
uns  besetzten  Teilen  Frankreichs  aufrecht  erhalten  und  die  Okkupation
  gehörig  ausnutzen  könnten,  Vorschläge  zur  Beschränkung  des
Kriegstheaters  macht;  desgleichen  eine  Anregung  zur  Kündigung
der  Genfer  Konvention,  die  unpraktisch  sei.  —  Bonnechose  hat  auf
Veranlassung  des  Papstes  einen  Brief  an  König  Wilhelm  geschrieben,
worin  er  einen  Frieden  will,  aber  einen  „ehrenvollen“  Frieden,
d.  h.  ohne  Landabtretungen,  den  wir  schon  vor  zwölf  Wochen  von
Sieur  Favre  haben  konnten,  wenn  der  Chef  nicht  einen  nützlichen
vorgezogen  hätte.  Der  Minister  hat  deshalb  beantragt,  das  Schreiben
nicht  zu  beantworten.  —  Der  Prinz  Napoleon  will  nach  einer  Andeutung
  Persignys  zur  Vermittlung  nach  Versailles  kommen.  Er
ist  ein  geistreicher  und  liebenswürdiger  Herr,  erfreut  sich  in  Frankreich
  aber  geringer  Geltung,  und  so  hat  der  Kanzler  die  Verhandlung
  mit  ihm  abgelehnt.  —  Bei  der  Londoner  Konferenz  über  die
Pontusfrage  werden  wir  Rußlands  Ansprüche  nach  Möglichkeit
unterstützen.  —  In  Dresden  hat  die  Königin-Witwe  Marie  dem
breußischen  Gesandten  Eichmann  angedeutet,  man  würde  Sachsen
ein  Zeichen  des  Vertrauens  geben,  wenn  man  ihm  die  Besetzung
des  Königsteins  bald  allein  überlassen  wollte.2

 

1  f.  oben  S.  576  des  ersten  Bandes.
:  Auf  dem  Königstein  lag  seit  1866  eine  preußische  Kompagnie  neben
Sfcher  Artillerie.
8.  Tagebuchblätter  II  2