Full text : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

282  Drittes  Buch.  Der  Eintritt  in  die  europäische  Politik.

rücksichtslosesien  dynastischen  Vergrößerungsstrebens  erscheint  eine
solche  Politik  außerordentlich,  zumal  sie  kaum  den  Versuch
machte,  auch  nur  einigermaßen  den  Schein  zu  wahren.  Sie
entbehrt  nicht  bloß  jedes  idealen  Zuges,  sondern  erhebt  sich
auch  nicht  zu  einem  nationalen  oder  auch  nur  patriotischen
Gesichtspankt.  Wenn  das,  was  der  Große  Kurfürst  in  mühsamer
  politischer  und  militärischer  Arbeit  geleistet  hat,  in  den
schließlichen  Ergebnissen  und  deren  Weiterentwickelung  Deutschland
  und  dem  deutschen  Volk  zu  gute  gekommen  ist,  so  haben
das  Momente  bewirkt,  die  seiner  Einwirkung  völlig  entrückt
blieben,  und  man  verschiebt  den  Standpunkt  der  Betrachtung
und  mißdeutet  die  Ueberlieferung,  wenn  man  das  später  thatsächlich
  Erfolgte  als  von  ihm  gewollt  und  erstrebt  darstellt  und
wohl  gar  als  sein  Werk  in  Anspruch  nimmt.  Weitere  Ziele
als  Sicherung  und  möglichste  Erweiterung  seines  Besitzstandes
hatte  er  nicht  im  Auge.  Was  sich  unter  dem  Einfluß  besonderer
  Umstände  gelegentlich  an  nationalem  Denken  und
patriotischem  Fühlen  stärker  regte,  das  hat  er  mit  dem  sicheren
Blick  des  Realpolitikers  in  den  Dienst  seiner  Sache  zu  siellen
gewußt,  aber  es  zu  erwecken  und  groß  zu  ziehen,  um  sich  seiner
als  einer  Macht  für  Deutschland  zu  bedienen,  lag  außerhalb
seines  Willens  sowohl  wie  seines  Vermögens.  So  sehr  die
patriotische  Geschichtschreibung  späterer  Zeit  ihn  als  den  Meister
des  Banes  feiern  darf,  auf  und  aus  dem  der  preußische  Staat
erwachsen  ist,  und  so  Großes  ihm  daher  auch  die  deutsche  Nation
verdankt,  ihn  zum  Vertreter  preußischen  Patriotismus  zu  machen
und  als  Vorkämpfer  deutsch-nationaler  Ideen  zu  feiern  ist  unberechtigt.
  Nicht  als  Verkörperung  des  preußischen  Volkeo,
das  es  damals  noch  gar  nicht  gab,  dessen  Entstehung  erst  durch
seine  Erfolge  möglich  wurde,  und  nicht  als  Vorkämpfer  oder
Nächer  des  deutschen  Volkes,  von  dem  das  materielle  und  moralische
Elend  des  großen  Krieges  kaum  noch  etwas  übrig  gelassen  hatte,
hat  sich  Friedrich  Wilhelm  gefühlt:  sein  gesamtes  fürstliches
Denken  und  Handeln  wurzelt  in  einer  Anschauung,  die  von
dem  Fundamentalsatz  der  absoluten  Monarchie  der  Zeit  —
dem  L’'état  c'est  moi  Ludwigs  XIV.  —  nicht  wesentlich  verschieden
  war.  Nicht  seinen  Staat,  nicht  sein  Volk  halt  er