Mißtrauen gegen die Mittelstaaten. 439
hat offenbar der Kaiser selbst gegeben!, während die preußenfeindlichen Räte
der Staatskanzlei, insbesondere Biegeleben, von den Beratungen ausgeschlossen
wurden.
An sich hatte Österreich in seiner Haltung gegenüber Deutschland immer
zwei Möglichkeiten vor sich. Es konnte entweder mit Preußen zusammen und
im Widerspruch zu den Mittelstaaten und der liberalen Strömung Deutschland
zu regieren versuchen, oder es konnte im Bunde mit den Mittelfkaaten,
gestützt auf die Mehrheit in der Bundesversammlung, Preußen zur Unterwerfung
zu bringen trachten. Das erste System wäre, selbst wenn ein anderer
Mann wie Bismarck die preußische Politkik geleitet hätte, nur dann wirklich
auf die Dauer durchführbar gewesen, wenn man Preußen nicht nur in der
schleswig-holskeinischen, sondern auch in der deutschen Frage erhebliche Zugeskändnisse
gemacht, namentlich seine Gleichberechtigung in der Leitung des
Bundes anerkannt und ganz und gar darauf verzichtet hätte, es gelegentlich
mit Hilfe der Mittelstaaten zu majorisieren. Das zweite Spstem beruhte auf
der Voraussetzung, daß Preußen sich einschüchtern lassen und vor einer gewalksamen
Verteidigung seiner Interessen unter allen Umständen zurückschrecken
werde. Man konnte sich in Wien für keine der beiden Möglichkeiten dauernd
entscheiden, sondern versuchte nach wie vor, bald die Mittelstaaten gegen
Preußen?, bald Preußen gegen die Mittelstaaten zu benutzen. So trieb man
dem Kriege mit Preußen entgegen, und verlor doch gleichzeitig das Vertrauen
der Miktelskaaten. Die Haltung des größten unter ihnen, Bayerns, war
gerade zur Zeit der Gasteiner Verhandlungen wohl geeignet, Bedenken in
Wien hervorzurufen.
UÜber die Politik der Mittelskaatens bringt die französische Publikation eine
Reihe von neuen Einzelheiten, ohne indes die Grundzüge der bisherigen Auffassung
wesentlich zu verschieben. Die Angst der Mittelstaaten vor einer
Mediatisierung durch Preußen, das Gefühl der eigenen Ohnmacht, ihr Verlangen,
bei Osterreich Schutz zu finden, und ihre wachsende Enttäuschung über
die Unzuverlässigkeit Osterreichs und dessen Lusammengehen mit Preußen,
treten in den Berichten der französischen Geschäftsträger deutlich hervor. In
der unbedingten Aufrechterhaltung der Autorität des Bundes, den sie ja vermöge
der bestehenden Stimmenverteilung beherrschen konnten, sahen sie die
einzige Möglichkeit, den sie bedrohenden Gefahren zu entgehen. Oie Versuche
Beufis, die Mittelskaaten fester zusammenguschließen, scheiterten an der Eifer-1
S. oben S. 410 Anm. 4.
2 Graf Mensdorff lenkte offenbar schärfer in diese Richtung ein, als Rechberg es gewollt hatte.
Er ermunterte Bayern direkt, die schleswig-holsteinische Sache vor den Bundestag zu bringen
(Ber. v. Mq. Cadore rs. Mai 1865 Nr. 1270 u. d. Bar. Forth-Rouen v. 26. Mai Nr. 1311).
* Vgl. hierüber jetzt E. Vogt, O. hess. Politik in d. Jeit d. Reichsgründung S. voff.