Das Deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (September 15.) 135
Beleidigungen debattiert. Hauptredner für die Radikalen ist Abg. Bebel,
für die Süddeutschen Arbeitersekretär Timm-München. Am 18. erklärt
Timm für die Mehrheit der Süddeutschen: Wir werden der Resolution
Frohme trotz aller Bedenken, die wir dagegen haben, zustimmen, um weiter
den Beweis zu liefern, wie hoch uns die Geschlossenheit und der Gesamtwille
des Parteitages stehen. In der vorgesehenen Art der Verständigung
erblicken wir auch den Weg, die Frage der Budgetbestimmung in einer
Weise zu lösen, die das gegenseitige Vertrauen mehr als bisher versichert
und weder die Selbständigkeit der Fraktionen außer acht läßt, noch eine
den verfassungsrechtlichen Bestimmungen der Einzelstaaten widersprechende
Bindung bezweckt. Sollte die Resolution Frohme in irgendeiner Form
verschärft werden, so müßten wir sie ablehnen. — Die Resolution Frohme
wird mit 217 gegen 160 Stimmen abgelehnt. Die Vorstandsresolution
wird mit 258 gegen 119 Stimmen angenommen. — Hierauf erklärt Abg.
Segitz: Im Auftrage von 67 Delegierten aus Bayern, Baden, Württemberg
und Hessen habe ich folgende, von jedem einzelnen Delegierten unterzeichnete
Erklärung abzugeben: Die unterzeichneten Parteimitglieder erklären:
Wir erkennen dem deutschen sozialdemokratischen Parteitag als den
legitimen Vertreter der Gesamtpartei die oberste Entscheidung zu in allen
prinzipiellen und in den taktischen Angelegenheiten, die das ganze Reich
berühren. Wir sind aber auch der Ansicht, daß in allen speziellen Angelegenheiten
der Landespolitik die Landesorganisation die geeignetste und
zuständige Instanz ist, die auf dem Boden des Gesamtprogrammes den
Gang der Landespolitik nach den besonderen Verhältnissen selbständig zu
bestimmen hat, und daß die jeweilige Entscheidung über die Budgetabstimmung
dem pflichtgemäßen Ermessen der den Landesorganisationen verantwortlichen
Landtagsfraktionen vorbehalten bleiben muß.
15. September. (Reichstagswahl.) Bei der Ersatzwahl in
Speyer erhält Binder (Soz.) 19293, Buhl (nl.) 12165 Stimmen. —
Das Zentrum hatte eine gemeinsame bürgerliche Kandidatur des
Grafen Posadowsky verhindert.
September. Marokkanische Frage.
Am 1. September schreibt die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“:
„Wie wir erfahren, hat die Kaiserliche Regierung durch ihre Vertreter den
Regierungen der Signatarmächte von Algeciras mitteilen lassen, daß die
Kaiserliche Regierung angesichts der neuen Lage in Marokko die Signatarmächte
von Algeciras darauf hinweisen zu sollen glaube, daß eine rasche
Anerkennung Mulay Hafids im Interesse der endlichen Beruhigung der
marokkanischen Verhältnisse liege.“
Die französische Regierung macht darauf nach dem „Temps“" (2. Sept.)
eine vorläufige Mitteilung über ihre Stellung zu Mulay Hafid. Es ergibt
sich daraus, daß Frankreich gegen die Anerkennung Mulay Hafids
als Sultans von Marokko keine grundsätzlichen Einwendungen erhebt.
Die Bürgschaften, über die Frankreich eine Erklärung von Mulay Hafid
wünscht, sollen durch eine französisch-spanische Note demnächst den Signatarmächten
bekanntgegeben werden. Dem „Temps“ zufolge wären die Bedingungen
für die Anerkennung Mulay Hafids, die durch die Note vorgeschlagen
werden würden, folgende: 1. Anerkennung der Algeciras-Akte,
2. Anerkennung aller internationalen Verträge und Abmachungen, insbesondere
der daraus entstehenden finanziellen Verpflichtungen, 3. angemessene
Regelung der Lage Abdul Asis', 4. Wiedererstattung der Kosten,