Rußland und der Panslawismus 3097
Hehl gemacht. Aur die dringende Lösung ciner Reihe von großen Fragen,
wic z. B. die Aufhebung der Leibcigenschaft, hat die Aufmerksamkeit
von ÖOsterreich abgelenkt. Dazu kam noch der polnische Aufstand
von 1863, der auch die Sympathicn der übrigen Slawen für Rußland
cinigermaßen gedämpft hat. Bezcichnend aber für dic wirklichen Zicle
der russischen Politik ist die bekannte Denkschrift von 186, „La politique
du présent“, die im Auftrage des Reichskanzlers, Fürst Gorsakov, wahrscheinlich
für Alexander II. verfaßt wurde. Der Friede muß erhalten
werden, heißt es dort, weil Rußland seiner bedarf, um durch Entwicklung
seines Wohlstandes, seines Verkehrswesens und seiner Heereskraft
zur Lösung seiner Zukunftsaufgaben tüchtiger zu werden. Die Slawenstämme
Österreichs aber haben Ruhe zu halten, bis sic die Fähigkeit
zur Sprengung des österreichischen Staatsverbandes erlangt haben, was
auch für die Slawen der Türkei gilt. Von der Gefahr einer Germanisierung
der österreichischen Slawen sei keine Rede mehr.ö) Abrigens
hatte das 1858 mit kaiserlicher Entschließung in Moskau begründete
„Slawische Wohltätigkeitskomitec“, das bald auch dic österreichischen
Länder in sein Tätigkeitsgebiet einbezog und das in direkte Abhängigkeit
vom sogenannten asiatischen Departement des Ministeriums des
Außern gestellt wurde, in inoffizieller Weise dic politische Agitation
im allslawischen Sinne in Österreich übernommen. Eine Acihe von
bervorragenden Persönlichkeiten, wic der frühere Unterrichtsminister
Graf Uvarov, der Kurator des Moskauer Lehrbezirkes A. A. Bachmetev,
der Staatssekretär Graf Bludov, ja die Kaiserin Maria Alexandrovna,
die dabei unter dem Einfluß der Gräfin Antonina Dmitriebna
Bludov und des Oichters Tjutéev und seiner Töchter stand,
gehörten der Leitung desselben an oder unterstützten dasselbe jährlich
durch große Summen.“) Von diesem Gesichtspunkte wurde die
russische Regicrung geleitet, als sic entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten
anläßlich der allrussischen ethnographischen Ausstellung in
Moskau nicht nur gestattete, daß dieser einc allslawische Abteilung
angegliedert werde, sondern auch die Abhaltung eines politischen
Kongresses erlaubte, trotzdem derselbe Anlaß zu einer heftigen Preßpolemik
gegeben hatte. Dic besonders zahlreich erschienenen sche-5)
(Eckhardt) Einc russische geheime Denkschrist von 1864, Deutsche Rundschau
VI, 11 S. 209 ff.
6) Die Kaiserin spendete z. B. vom Jahre 1863 an jährlich 300 Rubel. Vgl.
den Bericht über die ersten 10 Jahre (1858—1868) Tätigkeit des Moskauer flawischen
Wohltätigkeitskomitees in Slavjanskij Sézd v Pragé i godovséina sezda #vV
Msokv#, Moskan 1868.