192 V. DIE KRISENJAHRE 1908—1912.
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doch alles im Ganzen schief und durch starken Farbenauftrag
verdorben. Die Aussprüche waren ruhmredig, naiv, unklug in
hohem Grade. Nach der Veröffentlichung bemächtigte sich aller
Parteien in Deutschland eine allgemeine Empörung. Alles, was
sich im Laufe von fast zwei Jahrzehnten an Verdruß, Niedergeschlagenheitund
Grollgegendie Selbstherrlichkeiten Wilhelms II.
angesammelt hatte, wirbelte in die Höhe.
In den Reichstagssitzungen vom ıo. und ı1. November
1908 standen Anfragen fast aller Fraktionen über die Enthüllungen
des „Daily Telegraph‘“ auf der Tagesordnung. Der Zank unter
den Parteien war verstummt. Eine dumpfe, grollende Stimmung
lag auf dem Hause. Redner der Linken machten das persönliche
Regiment mit seiner Begleiterscheinung, dem Byzantinismus,
mit mehr oder weniger Pathos verantwortlich. Der Kanzler suchte
den Kaiser nach Möglichkeit zu decken, gab aber zu, daß in dem
Artikel einige Ausdrücke, namentlich die über den Stillen Ozean,
zu stark gewählt wären, und sprach die Mahnung an den Kaiser
aus, auch in Privatgesprächen Zurückhaltung zu beobachten.
An den Kern des Kaiserproblems rührte ein Sozialist, der Abgeordnete
Wolfgang Heine, mit der schlichten Wahrheit: „Wenn
der Kaiser auch noch so viel verspricht, sich zurückzuhalten, er
kann gar nicht anders, wie er nun einmal ist.“
Eine Resolution oder eine Adresse an den Kaiser kam nicht
zustande. Dem Kanzler gelang es aber, in einer Audienz die
kaiserlicheEinwilligung zu einer Kundgebung im ‚‚Reichsanzeiger“
zu erlangen, in der es hieß: „Unbeirrt durch die von ihm als
ungerecht empfundnen Übertreibungen der öffentlichen Kritik
erblicke er seine vornehmste Aufgabe darin, die Stetigkeit der
Politik des Reichs unter Wahrung der verfassungsmäßigen
Verantwottlichkeiten zu sichern.“
Der Kaiser blieb von dem Gefühl beherrscht, gerade
in einem Fall, in dem er nicht nach selbstherrlichem Gutdünken
vorgegangen war, vom Reichstag und vom Kanzler
ungerecht behandelt und nicht genügend verteidigt worden zu
sein. Er erlitt einen Zusammenbruch der Nerven und mußte
wochenlang zu Bett liegen. Gegen den Fürsten Bülow