Full text : Untersuchungen und Aktenstrücke zur Geschichte der Reichsgründung.

440  Politik  der  Mittelstaaten.

sucht  der  einzelnen  Staaten  gegeneinander  und  an  dem  Gefühl,  daß  selbst  die
Macht  der  vereinigten  übrigen  Staaten  viel  zu  gering  sei,  um  gegenüber  den
Großmächten  eine  wirkliche  Sicherheit  zu  gewähren.  Man  würde  den  leitenden
  Staatsmännern  Sachsens,  Bayerns,  Württembergs,  Hannovers  und
Badens  unrecht  kun,  wenn  man  ihre  deutsche  Gesinnung  in  Jweifel  zöge.=Sie
  glaubten,  daß  gerade  das  Interesse  Dentschlands  dahin  dränge,  die
Großmächte,  deren  Interessen  mehr  europäische  als  deutsche  seien,  nicht  zur
unbedingten  Herrschaft  über  den  Bund  kommen  zu  lassen.  In  Deutschland,
sagte  Baron  von  der  Pfordten,  wollten  selbst  diejenigen,  die  von  Einheit
träumten,  die  Selbständigkeit  ihres  engeren  Vaterlandes  nicht  opfern;  die
Bundesverfassung  entspreche  daher  aufs  beste  den  nationalen  Bedürfnissen;
man  könne  sie  wohl  im  einzelnen  verbessern,  müsse  aber  im  Prinzip  an  ihr
fesihalten.  So  glaubten  er  und  seine  Gesinnungsgenossen  eine  nationale
Pliicht  zu  erfüllen,  wenn  sie  den  Bund  gegen  die  Herrschaftsbestrebungen  der
Großmächte  und  die  unitarischen  Bestrebungen  des  Nationalvereins  verteidigten.s
  Sie  meinten,  für  diese  Bestrebungen  einen  Rückhalt  bei  Frankreich
  finden  zu  können,  ohne  daß  daraus  eine  wirkliche  Einmischung  dieser
Macht  in  die  innerdeutschen  Verhältnisse  hervorgehen  müsse.  Eine  solche
wiesen  sie  immer  wieder  auf  das  entschiedenste  zurück  und  ließen  dem  Kaiser
Napoleon  keinen  Zweifel  darüber,  daß  jeder  derartige  Versuch  von  seiner
Seite  ganz  Oeutschland  einig  finden  werde.4  Aber  so  ehrlich  gemeint  dies

1  Der  französische  Gesandte  in  Dresden,  Baron  Forth-Rouen,  fällt  über  die  Triaspläne
Beusts  das  vernichtende  Urteil:  „Nichts  ist.  verwunderlicher,  als  dieses  Vertranen  des  sächsischen
  Ministers  zu  Kollegen,  die  ihn  so  oft  verraten  haben“  (Ber.  v.  24.  Aug.  1864  Nr.  806).

:  Am  meisten  sind  solche  2weifel  bei  Hessen-Darmstadt  berechtigt.  Minister  von  Oalwigk
gab  zwar  auch  im  allgemeinen  seine  Abneigung  gegen  eine  französische  Einmischung  zu  erkennen,
  sagte  aber  doch  schon  Anfang  1864,  er  denke,  daß  Frankreich  eine  Machtvergrößerung
Preußens  au'  Kosten  seiner  Nachbarn  nicht  dulden  werde  (Ber.  d.  Grafen  d'Astotg  vom
20.  Febr.  Nr.  226).  Vgll  19.  März  Nr.  346.  Noch  dentlicher  im  Jannar  1865  (Ber.  vom
18.  Januar  Nr.  1190).  Ahnlich  der  nassanische  Minister  (Ber.  vom  r.  April  Nr.  300)
und  in  Baden  der  dem  Nationalverein  nahestehende  Herr  von  Roggenbach  (s.  Vogt  20).
Ubrigens  sagte  auch  der  bayrische  Minister  von  Schrenck,  er  habe  nichts  dagegen,  daß  die
„DTrias“,  wenn  sie  zustande  komme,  unter  Frankreichs  Schutz  gestellt  werde  (Ber.  des  Barons
Forth-Rouen  v.  24.  Febr.  1864  Nr.  259).  Ahnlich  äußerte  sich  Dalwigk  (Ber.  d.  Grafen
Salignac  v.  1.  April  Nr.  391  u.  5.  April  Nr.  402).—  Im  Sommer  1865  äußerte  v.  d.  Pordten:
„Die  Franzosen  braucht  man  nicht  gleich  zu  rufen,  das  Interesse  aber,  das  sie  an  der  Dauer
der  föderalistischen  Verfassung  Deutschlands  nehmen,  wird  sich  von  selbst  zugunsten  der
Mittelskaaten  geltend  machen“  (Vogt  87).  Und  ähnlich  meinte  der  badische  Minister  v.  Edelsheim,
  wenn  man  vor  jeder  freien  Mitwirkung  Frankreichs,  selbst  wenn  sie  sich  von  dirckter
Interventkion  sernhalte,  ängstlich  zurückschrecke,  gebe  man  sich  selber  auf  (a.  a.  O.  82).

*  Ber.  d.  Vic.  Mélolzes  v.  14.  Jannar  1865  (Nr.  1192).

*  S.  bes.  den  Ber.  v.  Grasen  Reculot  aus  Frankfurk  vom  14.  Januar  1868;  er  meint,
sogar  im  Falle  einer  Auflösung  des  Deutschen  Bundes  würden  die  süddentschen  Staaten