Full text : Erinnerungen an die Kriegsjahre im Königlich Preußischen Kriegsministerium. Zweiter Band. Heer und Heimat 1914-1918. (2)

190  Drittes  Kapitel

Wemnn  sie  auch  meist  nicht  geglaubt  wurden,  das  Wort:  „Semper  aliquich
haeret“  wurde  auch  hier  wahr.

Mitte  Januar  1918  wurde  die  Division  herausgezogen  und  in  der
Umgegend  von  Courtray  untergebracht.  Die  von  der  Obersten  Heeres-Leitung
  für  die  weitere  Ausbildung  herausgegebenen  Direktiven  betonten
  den  Angriff.  Dies  entsprach  ganz  dem  Empfinden  der  Truppe.  Die
Sache  im  Osten  war  erledigt,  nun  mußte  alles  Verfügbare  nach  dem
Westen  befördert  werden  zum  letzten  gewaltigen  Schlag  gegen  Franzosen
  und  Engländer.  So  war  die  allgemeine  Ansicht.

In  unserer  Unterkunft,  einem  geräumigen  Vorort  von  Courtray,
wurden  wir  häufig  von  Fliegern  heimgesucht.  Ein  in  der  Nähe  liegendes
  Munitionsdepot  bildete  den  Anziehungspunkt.

Waao  alleo  in  der  festgesetzten  Zeit  geleistet  werden  sollte,  war  unglaublich.
  Die  Befehle  blieben  vielfach  Anordnungen  vom  grünen  Tisch,
praktisch  waren  sie  nicht  durchzuführen,  selbst  wenn  die  Sonntage  voll
und  ganz  zur  Arbeit  ausgenutzt  wären.  Dazu  kam,  daß  der  Ausbildungsplatz
  erst  eingerichtet  werden  mußte.  Die  Anlage  von  Ubungswerken
  und  Schießständen  erforderte  Zeit  und  Kräfte,  die  wieder  der
Ausbildung  verloren  gingen.  Es  hätte  sich  empfohlen,  diese  so  rechtzeitig
  anzulegen,  daß  die  Truppe  sie  fertig  vorgefunden  hätte.

Vielfach  wurden  in  der  Heimat  Klagen  über  „zu  viel  Dienst“  bei
mir  und  um  Reichstag  vorgebracht.  Bei  Beurteilung  dieser  Sache  muß
man  die  jedesmaligen  Verhältnisse  berücksichtigen.  Wurde  eine  Truppe
aus  der  Stellung  gezogen,  so  galt  es  zunächst  allgemein,  sie  wieder
zusammenzuschweißen  und  ein  einheitliches,  militärisches  Werkzeug  aus
ihr  zu  machen.  Es  war  natürlich,  daß  Zucht  und  Ordnung  durch  den
Aufenthalt  in  den  ausgedehnten  Schützengräben  nicht  gefördert  waren.
Damn  hieß  es  aber  im  besonderen,  die  Truppe  für  ihre  demnächstige  Aufgabe
  vorzubereiten.  War  dies,  wie  bei  meiner  Diovision,  der  Angriff,
so  mußte  folgerichtig  die  Truppe  hierin  um  so  eingehender  unterwiesen
und  geschult  werden,  als  sie  bisher  jahrelang  in  der  Verteidigung  gekämpft
  hatte.  Dies  konnte  nur  durch  eifrigen  Dienst  erreicht  werden,
bei  dem  natürlich  Maß  zu  halten  war  und  von  den  vernünftigen  Vorgesetzten
  auch  gehalten  wurde.  Wo  Auswüchse  vorkamen,  waren  es
meines  Wissens  Einzelfälle,  gegen  die  vorgegangen  werden  muste.

Vor  allem  war  dem  Mann  erst  einmal  Gelegenheit  zu  geben,  sich
gründlich  auszuschlafen  und  sich  wie  seine  Sachen  in  Ordnung  zu  brin-