Full text : Preußische Geschichte. Zweiter Band. (2)

264  Drittes  Buch.  Der  Eintritt  in  die  europäische  Politit.

den  Preis  der  Anerkennung  all  seiner  neuen  Uebergriffe,  so
ergab  sich  daraus  eine  Annäherung  der  beiden  katholischen  Groß—
mächte,  die  unter  den  damals  obwaltenden  Verhältnissen  für
die  Evangelischen  neue  Gefahren  mit  sich  brachte.  Als  sie  ab—
zuwehren  der  Kurfürst  das  am  20.  Februar  1686  mit  Schweden
geschlossene  Bündnis  durch  den  Beitritt  Dänemarks  zu  einer
nordischen  Tripelallianz  erweitern  wollte,  „wider  Frankreich
und  alle  diejenigen,  so  die  evangelische  Religion  und  deutsche
Freiheit  anfechten  würden",  suchte  man  französischerseits  alsbald
  wieder  das  Haus  Braunschweig  gegen  ihn  in  Waffen  zu
bringen.  Mit  Hannover  stritt  der  Kurfürst  um  die  Herrschaft
Gartow  an  der  Elbe,  das  er  als  Zubehör  des  Sonnenburger
Johannitermeistertums,  Hannover  als  Lehen  beanspruchte.  Schon
lag  man  sich  dort  kampfbereit  gegenüber.  Nicht  zu  weichen
entschlossen,  rüstete  der  Kurfürst  und  ließ  fünf  neue  Regimenter
aufstellen,  was  ihm  erwünschte  Gelegenheit  gab,  eine  größere
Anzahl  von  französischen  Reformierten  als  Offiziere  unterzubringen,
  denen  von  den  Obersten  die  anderweitige  Aufnahme
verweigert  worden  war.

Was  aber  wollten  die  Sorgen,  die  ihm  aus  diesen  Wirren
erwuchsen,  besagen  gegen  das  häusliche  Leid,  das  ihm  gerade
in  dieser  Zeit  bangen  Harrens  auf  eine  große  rettende  Entscheidung
  bereitet  wurde  und,  an  sich  unpolitischen  Ursprungs,
doch  auch  auf  das  politische  Gebiet  hinübergriff?  Am  7.  April
1687  wurde  Markgraf  Ludwig,  des  Kurprinzen  jüngerer  Bruder,
von  einem  Fleckfieber  jählings  dahingerafft.  Durch  die  Aerzte,
welche  die  Natur  der  Krankheit  nicht  erkannten,  in  dem  Glauben
an  ihre  Ungefährlichkeit  bestärkt,  hatte  der  Vater  abgelehnt,
den  vom  Gefühl  des  nahen  Todes  erfüllten  Sohn  noch  einmal
zu  sehen,  um  beiden  Teilen  eine  zwecklose  Erschütterung  zu  ersparen.
  Natürlich  wurde  ein  Giftmord  vermutet:  auch  das
Gutachten  der  Aerzte  sprach  sich  dafür  aus,  während  die  wenigen
unbefangenen  Beobachter  an  dem  natürlichen  Tode  des  reich
begabten  JZünglings  nicht  zweifelten.  Wenn  die  einen  auf  die
Jesuiten,  die  anderen  auf  polnische  Emissäre  als  Urheber  rieten,
so  ging  das  noch:  welch  ungesunde,  von  heimlicher  Feindschaft,
scheuer  Furcht  und  bösesten  Verdächtigungen  erfüllte  Luft  an