230 Geschlechtsleben.
wird bei ruhiger Lebensweise weniger Samen produziert. Männer mit sehr
lebhaften Gefühlen und großer sexueller Leistungsfähigkeit, die sich ihrer
Manneskraft gerne rühmen, sind mehr oder minder überreizte, nervöse Individuen,
die später oft an schweren Krankheiten des Rückenmarks und Gehirns
zugrunde gehen. Würden diese strengere Selbstzucht üben, alles vermeiden,
was die Geschlechtsnerven erregt, dabei täglich körperlich arbeiten, so würde
sich auch bei ihnen der heftige Geschlechtstrieb vermindern und sie würden
eine vorher ungekannte Ruhe erringen. Dasselbe gilt für zu leicht erregbare
Frauen.
Wie der gesunde Mann zu jeder Zeit befähigt ist, den Geschlechtsakt
auszuüben, wenn sein Wille ihn leitet oder leidenschaftliche Erregung, so ist
auch die Frau jederzeit imstande, Samen aufzunehmen. Beiderseitige Erschöpfung
oder Krantheit führen natürlich zu Ausnahmezuständen. Der Unterschied
zwischen beiden besteht jedoch beim Begattungsakt darin, daß beim
Manne stets Samenzellen ausgestoßen werden, beim Weibe aber nicht immer
eine Eizelle bereit ist. Um diese Ungleichheit auszugleichen, hat die Natur
der Samenzelle eine Lebensdauer von oft vierzehn Tagen gegeben, die es
bewirkt, daß sie sich, unterstützt durch die Vorgänge an der Schleimhaut des
weiblichen Genitalschlauches, langsam bis in die Gebärmutterhöhle hinauf
bewegt und sich dort lebend erhält, bis sie entweder auf eine Eizelle trifft
oder sich endlich auflöst. Mitunter kriecht sie sogar bis in die Tuben und
weiter, und es entstehen dann die gefährlichen Bauchschwangerschaften.
(Siehe diese im II. Teile.) Auch übertrifft sie an Zahl die Eizelle bedeutend.
Die Frau gibt beim Begattungsakt also nichts ab als etwas Schleim
aus den Genitaldrüsen, nimmt aber auf; ihre Erregung, ihr Begehren,
das Verhalten des Uterus usw., sind nur auf die Aufnahme gerichtet.
Dies macht den Begattungsakt zu einem wesentlich anderen als beim
Manne. Als praktische Lehre geht daraus hervor, daß der Begattungsakt
für die Frau zwar weniger anstrengend ist als für den Mann, da sie weniger
Nerven= und Muskelkraft dabei verbraucht wie er, daß er aber dennoch auch
bei ihr verbrauchend wirkt und die Genitalorgane anstrengt; ferner, daß eine
Befruchtung bei günstiger Lage der Gebärmutter und lebenskräftigem Samen
sogar ohne ihre Mittätigkeit möglich ist und bei gleichgültigen Frauen, die
nur widerwillig die Umarmungen des Gatten erdulden, auch tatsächlich recht
oft stattfindet. Daraus ergibt sich, daß kränkelnde Frauen mit dem Geschlechtsverkehr
sehr vorsichtig sein müssen, kranke aber ihn gänzlich meiden sollen;
ferner, daß Eheleute, welche eine Vermehrung ihrer Familie zu fürchten Ursache
haben, äußerste Mäßigkeit üben und bei großer Fruchtbarkeit der Frau
selbst dann noch Schutzmittel gebrauchen müssen.
Die wenigsten Menschen sind sich klar über das Verhalten, das sie in
der Ehe einschlagen sollen. Wann schadet der geschlechtliche Verkehr? Und
wie oft dürfen sich gesunde Gatten vereinigen?