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lichkeit, ihre germanische Eigenart unbehindert weiter
auszubilden, nicht nur nicht beschränken, sondern vielmehr
gewährleisten.
Zur belgischen Geschichte. Nach der belgischen
amtlichen und halbamtlichen Auffassung, die teilweise
auch in die deulsche Literatur eingedrungen ist, ist
Belgien seit den ältesten Zeiten etwas Selbständiges,
etwas für sich Stehendes, in sich Geschlossenes gewesen.
Tatsächlich hat eine solche Einheit nie bestanden. Die
Flamen sind im Mittelalter in heftigen Kämpfen gegen
die Franzosen zum Bewußtsein ihrer Eigenart F
langt. Es herrschte ein starker Gegensatz zwischen Flamen
und Wallonen, in Sprache wie Wirtschaft. Der
burgundische Staat des späteren Mittelalters umfaßte
einerseits nicht alle heutigen belgischen Gebiete (das
Bistum Lüttich nicht) und ging anderseits weit über
die heutigen belgischen Provinzen hinaus. Mit dem
einen Fuß ruhte das burgundische Regiment auf abgelegenen
Gebieten. Es war eine Fremdherrschaft.
in selbständiges, geschlossenes Belgien wurde auch
unter der spanischen Herrschaft nicht geschaffen. Soweit
in der neueren Zeit von einem politischen Einheitsgedanken
die Rede sein kann, waren seine Träger
wesentlich Wallonen, während die Flamen kaum zum
Wort kamen. Im Jahre 1830 wurde derbelgische Staat
eschaffen, eine künstliche Schöpfung, wie der Flame
Homela- Nieuwenhuis Nyegaard neuerdings gesagt
hat, »eine Fabrik von ämes belges-. Das-Experiment=
von 1830 ist keineswegs eine einfache Frucht
der Erhebung gegen Holland. Aus eigener Kraft hätten
sich die Empörer nicht behaupten können. Unter
dem Gesichtswinkel der europäischen Politik war die
belgische Erhebung eine neue Phase des französischen
Ausdehnungsstrebens an den Rhein. Unter einem
Kompromiß mit England wurde dann der belgische
Staat geschaffen; der Name-Belgien--, bis dahin nur
von antiquarischem, gelangt jetzt erst zu praktischem
Gebrauch. Wenn das Experiment insofern glückte,
als der neue belgische Staat Bestand behielt und wirtschaftlich
sich glücklich entfaltete, so lag das in erster
Linie an der gegenseitigen Eifersucht der europäischen
Mächte; demnächst war es bedingt durch die kluge
Politit der ersten beiden Könige; nicht aber ruhte die
Entwicklung Belgiens auf einer inneren Harmonie der
Bevölkerung. Die Wallonen bildeten die herrschende
Oberschicht; die Flamen gewannen hinterher das Gefühl,
daß sie die Betrogenen waren. Die Gegensätze
zwischen Liberalismus und strengem Katholizismus
verschärften sich, und mit dem Aufkommen des Sozialismus
steigerte sich noch die Spannung.
Der neue belgische Staat wurde für neutral erklärt.
Ein Vorrecht wurde ihm damit eingeräumt, aber auch
eine Verpflichtung auferlegt: er durfte nicht angreifen
und nicht angegriffen werden; er durfte keine Beziehungen
zu anderen Mächten anknüpfen, die den garantierten
Zustand veränderten. Frankreich hat, unter
Napoleon III., diese garankierte Neutralität wiederholt
zu stören versucht. England führte 1870 in Verträgen
mit dem Nordbeusschen Bund und mit Frankreich
eine gewisse Erneuerung des Neutralitätsverhältnisses
herbei. Man hat gemeint, das Deutsche
Reich, welches nie als solches die belgische Neutralität
garantiert hat, sei auch nicht zu ihrer Beobachtung
verpflichtet. Das mag auf sich beruhen. Jedenfalls
ist nicht zu bestreiten, daß Belgien von sich aus die
Bahnen der Neutralität verlassen hat. Zunächst durch
die Maasbefestigungen, bei deren Anlage die belgische
Regierung zwar wohl nicht von einer einseitig gegen
I. Politik und Geschichte
Deutschland gerichteten Tendenz geleitet war, die aber
tatsächlich Deutschland beeinträchtigten, zumal Belgien
bei seiner zu geringen militärischen Macht nicht
eine wirkliche Sicherung gegen einen französischen
Durchstoß geboten hätte. Sodann durch die Gründung
bzw. den Erwerb des Kongostaats- Belgien,
das in Curopa nicht aus eigener Kraft, sondern nur
durch die Bürgschaft seiner Garanten zu bestehen vermochte,
begann draußen eine imperialistische Großmachtpolitik.
Seine Neutralität wurde damit einer
zu oßen Belastungsprobe ausgesetzt, wie denn England,
der afrikanische Nachbar Belgiens, die Klagen
über die Kongogreuel dazu benutzt hat, um auf den
belgischen Staat einen Druck auszuüben. Belgien
trat mit dem Erwerb des Kongos in den Kreis der
roßen Mächte ein, hatte aber nicht die militärische
aft, um ganz sein eigener Herr zu sein, und setzte
sich damit der Gefahr aus, von einer stärkeren Macht
abhängig zu werden. Die belgische Regierung ist sich
aber auch in anderem Zusammenhang darüber klar
geworden, daß von England, seitdem es den Anschluß
an Frankreich und Rußland suchte, eine Beobachtung
der Neutralität nicht zu erwarten war (Kitcheners
Wort:-Die Grenze des Britischen Reiches in Europa
ist nicht der Armelkanal, sondern die Maaslinie-).
Gleichwohl klammerte sich Belgien an die brittsche
Macht an. . Das hat dann zu einer heimlichen Aufgabe
der pflichtmäßigen Unparteilichkeit geführt, zu
einer weitgehenden militärischen Auslieferung an die
Westmächte und zu vorzeitiger Festlegung der LHaltung
in einem künftigen Kriege= (Hampe). Von
Frankreich her wurde die umfassend'e Propaganda
in Belgien betrieben (für die Presse z. B. stand außer
einem reichen Ordenssegen im französischen Haushaltplan
jährlich ein Geheimfonds von 200 000 Fr. zur
Verfügung); direkte Annexionsabsichten sind in französischen
Kreisen hervorgetreten und wurden von belgischer
Seite keineswegs allgemein abgewiesen. fanden
vielmehr hier einen alten Boden. Aber auch ganz
abgesehen davon, die belgische Regierung ließ sich mit
Frankreich ebenso wie mit England in Berhandlungen
über den Durchzug von englisch-französischen
Truppenkörpern durch Belgien »im Fall eines internationalen
Konflikts« ein. Deutschland hat bei Ausbruch
des Krieges nur durch raschen Entschluß der
Ausführung der englisch-französisch-belgischen Pläne
zuvorkommen können. Wenn es den Durchmarsch
durch belgisches Gebiet gegen Zubilligung voller Entschädigung
verlangte, so stellte es nur eine Forderung,
die noch 1887 von englischer Seite als erträglich un
durch die belgische Neutralität nicht schlechthin ausgeschlossen
angesehen worden war. Vor der Kriegserklärung
hatten schon französische Truppen die belgische
Grenze überschritten, empfangen von belgischen
Gendarmen, und am 30. Juli 1914 konnte eine englische
Dame ahnungslos nach Deutschland schreiben:
* Heute hat uns mein Sohn verlassen, um sich nach
Belgien zum Stabe des Generals Freuch zu begebene.
Der deutsche Einmarsch in Belgien entsprang, wie
man treffend bemerkt hat, »der riesenhaftesten Notlage
der zelamten Weltgeschichtee.
Eine Rechtfertigung Belgiens mit entsprechenden
Angriffen gegen Preuzen hat der Brüsseler Universitätsprofessor
E. Waxweiler in seiner Schrift -Hat
Belgien sein Schicksal verschuldet? unternommen, die
in deutscher übersetzung aus dem französischen Original
in Zürich erschienen ist. Eine gründliche Widerlegung
seiner sophistischen Darstellung findet man na-