Full text : deutsches Wörterbuch. Zweiter Band H-O. (2)

1157  philisterhaft  —  picken.

Biere  sitzende  und  kannegießernde  Bürger  solcher  Art;
bildungsphilister,  der  sog.  Bildung  mit  engem  Denken
verbindende  Mensch,  ein  von  FNietzsche  geprägtes
Wort.  philister  oder  polacke  auch  von  einem  Uberbleibsel
  in  der  Tabakspfeife  Kindleben  a.  a.  O.  —
philisterhaft,  in  der  Weise  eines  Philisters:  philister--hafter
  mensch,  pbilisterhafte  art,  philisterhaft  denken;
ihr  sucht  mich  in  den  pfad  zu  leiten  philisterhafter
häuslichkeit  Strachwitz  2;  diese  aufgeblasene  philisterhaltigkeit
  Benedix  rel.  Stud.  1,  5.

Pichen,  mit  Pech  bekleiden,  beschmieren,  mhd.  bichen,
füsser,  kannen,  kähne,  vgl.  auch  auspichen;  gepichte;
vaz  Megenberg  320,  23;  von  einem  der  seltsamen
Trinkgeschirre  des  16.  Ih.:  gepichte  armprost  Garg.  28;
als  Wort  der  Vogelsteller,  vgl.  erpicht;  bei  Haar  und
Bart:  den  schnurrbart  pichen;  rollenartige  locken,
fest  gepicht  über  beiden  ohren  Goethe  Tagh.  1805;
—  intrans.,  wie  Pech  kleben,  haften:  picht  nicht  das
blut  des  ermordeten  reichsgrafen  an  deinen  verfluchten
fingern?  Schiller  Ränb.  2,  3.  Vgl.  auch  pechen.

Pick,  1)  Interjection,  das  Hacken  mit  einem  Schnabel
bezeichnend:  an  das  fenster  klopft  es:  pick!  pick!
WHey  Fab.  für  Kinder  2.  2)  Masc.,  Handlung  des
Pickens:  wie  die  vögel  um  den  kauzen  fliegen,  geben
ihme  ein  bick  Albertinus  Landstörzer  680;  (der  Vogel)
nascht  mit  geschäftigem  pick  unter  den  früchten  umher
Goethe  Weissag.  des  Bakis  28.  3)  vgl.  pike.  —  Picke,  f.
Spitzaxt,  Spitzhaue,  Werkzeug  zum  Veihuen  der  Steine,
mhd.  bicke;  auch  als  Masc.  pickel,  mhd.  biekel.  —  Pickelflöte,
  k.  kleine  Querflöte,  nach  ital.  fauto  piccolo.  —
Pickelhaube,  f.  in  älterer  Spr.  beckenförmige  Kopfbedeckung
für  den  Krieg,  Blechhaube  des  gemeinen  Kriegsknechtes,
entstellt  aus  mhd.  beckenhübe,  beckelhübe,  im  16.  Ih.
bickelhaube;  sturm-  und  pickelhaube  Lenau  335;  für
den  Ritterhelm:  (heraus)  tritt  ein  ritter  kühnen  muthes:
schwert  erglänzt  und  bickelhaube  Freiligrath  1,  42;
—  seit  etwa  1842  Bezeichnung  des  militärischen  Lederhelms
  im  preußischen,  dann  im  deutschen  Heere  (nur  volksmäßig,
  niemals  amtlich).  —  Pickelhering,  m.  Possenreißer;
  ursprünglich  Name  des  gepökelten  Herings,  Bückling
  (s.  d.),  mnd.  pekelherink,  pickelherink,  als  komischer
Eigenname,  nach  der  Lieblingsspeise,  auf  den  niedrigen
Lustigmacher  im  niederd.  Lustspiele  des  16.  Ih.  übertragen,
  von  den  englischen  Comödianten  der  Zeit  als
pickleherring  angenommen  und  über  ganz  Deutschland
verbreitet,  so  daß  im  17.  Ih.  der  Possenreißer  des  Lustspiels
  allgemein  (neben  hanswurst,  harlekin,  s.  d.)  so
heißt;  dann  freier,  —  Narr,  Geck  überhaupt:  überstudierter
  pickelhering  Lessing  j.  Gel.  3,  4;  das  geld
verrostet  in  den  kisten  ausgedörrter  pickelhäringe
Schiller  Räub.  Tranersp.  1,  3.—  picken,  hackend  stechen,
altes,  wahrscheinlich  auf  lautmalendem  Grunde  gebildetes
Wort,  daher  im  Hochdeutschen  gegen  andere  Spr.  mit
unverschobenem  Anlaute,  altnord.  pikka,  altengl.  pican,
mnl.  pieken,  ahd.  piechan,  picchin,  mhd.  bicken,  becken;
auch  das  franz.  piquer,  ital.  piccare  stechen,  lat.  picus
Specht  sind  gleichartige  Bildungen;  der  Begriff  ist  im
Nbd.  gewöhnlich  auf  das  Hacken  eines  kleinen  Vogelschnabels
  eingeengt:  das  vögelein  setzt  sich  dem  esel
auf  seinen  rucken,  becket  und  beiszet  ine  Albertinus
Landstörzer  644;  an  etwas:  pickt  am  rothen  band  Hölt
35;  man  hört  den  specht,  der  daran  (an  den  Echen
pickt  Hv  Kleist  Käthch.  v.  Heilbr.  3,  1;  ein  vogel
wenn  mehr  er  will  als  an  der  kirsche  picken  Platen
Sonette  12;  etwas:  da  nun  ich  (Taube)  aus  den  händen.
Anakreons  ihn  pickend,  gestreuten  waizen  schmause
Uebersetz.  1;  das  huhn,  das  körner  picket  Rückert
Liebesfr.  4,  58;  von  da  bildlich  und  spottend:  einen
behaglichen  und  sichern  zinsleinpicker  oder  rentier
Keller  Seldw.  2,  60;  —  übertragen  auf  einen  Ton,
wie  des  Pickens:  der  holzwurm  pickt  in  der  wand;  es
pickt  die  pendeluhr  Lenau  111;  unpersönlich:  Marie,

pickern  —  Pilger.  1158

sagt  Steffen,  hör,  es  pickt!  Voß  6,  150;  —  picken
vom  Bearbeiten  des  Steins  (vgl.  das  Fem.  picke):  wie
die  steinmetzen  die  steine  bicken  Adelung;  hätte
man  nicht  bie  und  da  das  picken  der  steinhauer
vernommen  Goethe  Wanderj.  2,  9.  —  pickern,  Häufigkeitsbildung
  zu  picken:  hörten.  die  todtenuhr  in  der
kammer  pickern  Hölty  43.

Piep,  lautmalend  von  einem  feinen  dünnen  Tone,
besonders  junger  Vögel  und  Mäufe:  pip  thun,  pipire
Stieler;  wie  die  kinder  sich  hinter  ihr  schurzchen
verstecken,  und  rufen  pip!  dasz  man  sie  suchen  soll
Goethe  Stella  2;  als  Masc.  das  einmalige  Piepen:
keinen  piep  thun.  —  piepen,  den  Laut  piep  hervorbringen,
  lantmalende  Bildung,  die  auch  in  anderen
Sprachen  wiederkehrt  (lat.  pipire,  griech.  pippizein  u.  a.);
bipen  Stieler;  vögel,  küchlein,  mäuse  piepen;  übertragen
  in  scherzhaftem  Tone  auf  Menschen:  er  war  so
gesprungen,  er  konnte  nicht  mehr  piepen;  von  Kranken:
er  piept,  klagt  schwächlich;  das  lied  nur  heimlich  piepet:
also  war  es  und  wird  bleiben“  Goethe  Div.  5,  86.
Dazu:  piepgans,  junge  piepende  Gans;  piephahn,  Bezeichnung
  des  Truthahns  Frisch,  in  der  Kinderspr.  —
männliches  Glied  (vgl.  hahn  4);  piepvogel,  junger,  piepender
  Vogel;  roter  piepvogel  scherzende  Bezeichnung  des
preußischen  roten  Adlerordens.  —  piepfen,  Häufigkeitsbildung
  zu  piepen,  älter  pipitzen  Abraham  a  SClara
Judas  1,  290;  pipsen  Stieler;  kuchlein,  die  sie  (die
Henne)  ausgebrütet  um  sich  her  piepsen  sieht  Goethe
Du  W.  16;  das  arme  vöglein  ..  war  schier  zu  schwach
zum  piepsen  Rosegger  Waldheim.  1,  153;  übertragen,
von  Menschen:  was  uns  alle  tage  vor  augen  kommt
und  ans  herz  geht,  davon  pipsen  sie  kein  wort  Maler
Müller  1,  233.

Pikänt,  stechend,  scharf,  reizend,  ans  franz.  piquant
im  18.  Ih.  übernommen,  anfangs  in  franz.  Schreibung;
von  Speisen  und  Getränken:  ein  piquanter  wein,  der
einen  scharfen  auf  die  zunge  fallenden  geschmack  hat
Nehring  885;  pikante  speisen;  unsinnlicher,  und  mit
einem  Beisinne  der  oft  zum  Verfänglichen  neigt:  pikante
geschichten  erzählen,  ein  pikantes  wesen  haben.  —
Pike,  f.  1)  langer  Spieß,  alte  Waffe  des  Fußvolks,  mud.
pek,  peke,  mul.  pieke,  aus  dem  gleichbed.  franz.  pique
entlehnt,  im  17.  Ih.  noch  so  geschrieben:  exercitz  mit
der  pique  Böckler  Kriegssch.  321;  mit  piken  bewafftnete
  heerhausen  Goethe  DuW.  2;  einen  gespieszten
kopf  an  einer  pike  C  FMeyer  Jenatsch  34;  als  Sprichwort
  von  der  pike  auf  dienen,  von  unten  auf:  nur  von
der  pike  dient  sichs  recht  zum  braven  general  Droste  22.
2)  pike  in  der  Redensart  eine  pike  auf  einen  haben,
Groll  gegen  einen  hegen:  er  bat  schon  lang  eine  pique
auf  sie  Schiller  Räub.  2,  3;  nun  hatte  ich  gegen  den
maler  eine  absonderliche  pike  wegen  seiner  unvernunftigen
  reden  Eichendorff  Taugen.  113,  umgedeutet
aus  einem  älteren,  auf  picken  (s.  d.)  zurückgehenden  Masc.
pick,  auch  pik:  er  hat  einen  pik  auf  mich,  der  pik  will
ihm  nicht  aus  dem  kopfe  Stieler;  ich  hab  einen  pickauf
  die  ganze  welt  der  junge  Goethe  3,  115;  meine
physiognomischen  kunststückchen,  die  ich  aus  pik  auf
den  propheten  in  den  winkel  geworfen  ital.  Reise  II.

Pilger,  Pilgrim,  m.  Wallfahrer  zu  heiligen  Orten;
erwachsen  aus  dem  volksmäßigen  früh-italienischen  auf
lat.  peregrinus  Fremder  zurückgehenden  pellegrino,  ahd.

..  Hpiligrim,  mhd.  pilgerin,  bilgerin,  bilgeri,  bilgere,  bilger;

die  im  Mhd.  herausgebildete  Doppelform  besteht  auch
heute  noch.  1)  pilger,  die  heute  gewöhnliche  Form,  im
16.  Ih.  auch  bilger  (Garg.  463),  in  strengerem  oder
freierem  Sinne:  zum  begrebnis  der  pilger  Matth.  27,7;
in  was  land  ziehen  nicht  die  pilger,  stazionirer,
farende  schuler  Garg.  44;  wie  der  pilger  den  quell
suchet  Hölty  75;  froh  walle  ..  der  pilger  zu  dem
gnadendilde  Schiller  Kampf  mit  d.  Dr.;  pilger  auf
der  lebensreise,  erdenpilger.  2)  ältere  uhd.  Form  lieber

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