Inhaltsverzeichnis : Briefe und Akten zur Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. Neunter Band. (9)

268.  1611  619

„consilia“  scheinen  mir  nicht  weislich,  aufrecht  und  treulich,  ‚indeme
  vornehmblich  das  privatum  gesucht  worden  und  vielleicht  auss
not  gesucht  werden  mussen,  darauf  dan  die  schedliche  corruptiones
ihre  würkungen  erlanget.“  Man  hatte  mir  schon  zu  Prag  berichtet,
dass  sowol  der  Braunschweiger  als  Mollart  wegen  der  Markgrafschaft
  Finale  für  Leuchtenberg  sollizitierten,  wogegen  dieser  dem
Herzog  die  Acht,  Mollart  aber  ein  Lehen  in  Italien  im  Wert  von
100  000  Kronen  erlangen  half,  was  alles  durchgngangen  sein  soll,
ohne  dass  die  Umstände  gehörig  erwogen  wurden  und  die  nötigen
Untersuchungen  vorhergiengen;  an  Finale  soll  aber  viel  gelegen  sein  und
Spanien  dafür  ein  Darlehen  von  5—600  000  Kronen  geboten  haben;  —
kurz,  wenn  dem  Unwesen  und  Regiment  zu  Prag  der  Lauf  nicht
bald  gehemmt  wird,  ist  zu  besorgen,  dass  die  Ieute  in  der  Umgebung
des  Kaisers  den  Karren  ganz  verfahren  werden.

Wenn  man  gleich  anfangs  zu  Mühlhausen  einen  Weg  finden
könnte,  ‚dass  die  kaiserliche  verrichtung  in  diesem  fall  etwas  suspendiret,
darbei  aber  nicht  zu  weit  gangen,  I.  M.*  nicht  offendiret  und  vor
allem  dem  vicariatwesen  die  thure  nicht  geofinet  wurde,“  so  würde
Kaiser  und  Reich  dadurch  sehr  genützt  werden.  Ob  das  nicht  durch
Beförderung  des  Abzugs  des  Kaisers  aus  Prag,  Abforderung  der
Reichskanzlei  und  Einstellung  des  Reichshofrats  geschehen  könnte,
wäre  zu  bedenken;  vielleicht  wäre  am  besten,  gleich  nach  Ergänzung  des
Kollegs  über  den  Abzug  des  Kaisers  „und  wie  der  ohnordentliche  lauf
der  itzigen  kaiserlichen  regirung  etwas  sistirt  und  gehemmet  werden
konne,‘  zu  beraten;  denn  03  ist  grösste  Gefahr  im  Verzug  und  sollte
es  noch  ein  Vierteljahr  anstehen,  so  könnte  ich  mir  aus  dem  Verlauf,
den  ich  selbst  ansah,  nichts  anderes  einbilden  als  unwiederbringlichen
Nachteil  des  katholischen  Wesens,  Trennung  aller  Bande  unter  den
Ständen,  Vermehrung  des  Mistrauens,  Zerstreuung  und  Verschwendung
der  kaiserlichen  Güter  und  Rechte,  Begebung  aller  Vorteile,  Entfremdung
  der  ausländischen  Potentaten,  schmähliche  Verachtung  und
Verhöhnung  des  Reiches  an  Haupt  und  Gliedern,  Erhöhung  der  Bösen,
derer  man  nicht  mehr  ledig  werden  könnte,  kurz  gänzliche  Verwirrung
des  geistlichen  und  politischen  Wesens  und  also  Ruin  des  ganzen
Hauses  Oesterreich  nnd  des  Reiches.  Ich  bin  auch  nicht  der  Ansicht,
dass  man,  selbst  wenn  der  Administrationsstreit  nicht  beigelegt  werden
kann  und  das  Kollegium  unergänzt  bleibt,  deshalb  diesen  Beratungen
und  Beschlüssen  Einhalt  tun  und  wegen  des  Privatum  einiger  das
Publicum  zurückstehen  und  in  Gefahr  lassen  sollte;  nur  müsste  man  in
diesem  Fall  mit  dem  Kaiser  behutsamer  umgehen,  damit  nicht  dessen
Offension  erregt  werde,  „welche  [ksl.  M.']  alsdan  ihrem  bekanten  humor
nach  einen  und  anderen  malcontenten  an  sich  zihen  und  deme  oder
denselben  zue  I.  M.'  selbst  aigenen  gefahr,  schimpf,  schaden  und
nachtheil,  ja  verderb  und  ruinirung  ihres  aigenen  hauses,  des
heil.  reichs,  der  religion  und  der  ganzen  christenhait  in  allem  wilfaren
wurd,  inmassen  dieser  I.  M.'  humor  neben  vielen  vorgangenen

Juli  7,