Full text : Geschichte der Königlich Preussischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Erster Band Erste Hälfte.

370  Geschiehte  der  Akademie  inter  Frieprien  dem  Grossen  (1716  —  1786).

die  einzige,  welche  sie  gehabt  haben:  denn  die  beiden  Damen  Kıren,
Mutter  und  Toehter,  hatten  zwar  redlich  für  die  Akademie  gearbeitet.
  waren  aber  nie  Mitglieder  geworden',  und  die  schöngeistige
und  gelehrte  Gräfin  SKORZEWSKA  durfte  zwar  ihre  Abhandlung  »Consilerations
  sur  TVorigine  des  Polonais«  in  der  Akademie  vorlesen
lassen  —  sie  selbst  war  dabei  zugegen  (26.  Januar  1769)  —,  aber
ein  Sitz  wurde  ihr  nicht  eingeräumt”,

Die  öffentlichen  Sitzungen  waren  noch  iunmer  Veranstaltungen,
an  denen  die  ganze  Hofgesellschaft  Antheil  nahm,  Für  berühmte
Gäste  liess  der  König  ausserordentliche  Sitzungen  abhalten.  Viel
besprochen  wurde  besonders  die  Sitzung,  in  der  Acmnmen-Effendi
empfangen  wurde  (31.  December  1763).  Die  Akademie  musste  ihn
allerlei  Experimente  vorführen,  die  den  Türken  in  Erstaunen  und
Schrecken  setzten®.  FrıeDRIcH  selbst  hat  seltener  als  früher  Abhandlungen
  in  der  Akademie  lesen  lassen,  in  den  sechziger  Jahren,  soviel
  bekannt,  nur  das  Eloge  auf  den  Prinzen  Hrimricn  (30.  December
  1767)‘.  Merkwürdig.  je  skeptischer  der  König  in  Bezug  auf
die  theoretischen  Wissenschaften  wurde.  je  mehr  in  ihm  Bavyıe  über
alle  philosophischen  Systeme  siegte,  um  so  bestimmter  wandte  er
sein  ganzes  Interesse  der  praktischen  Moral  zu  und  den  Mitteln,  sie

!  Über  Frau  Kırcır.  die  Mutter.  s.  oben  S.114{.  Die  Tochter.  Frl.  Curistixe
Kıren.  hat  erst  mit  dem  Bruder.  dann  nach  dessen  Tode  allein  an  den  Kalendern.
und  zwar  au  denen  für  Schlesien,  gearbeitet.  für  ein  so  geringes  Gehalt.  dass  sie
inner  wieder  um  Gratificationen  naehsuchen  musste.  die  sie  in  der  Höhe  von  20
und  30  Thlin.  erhielt.  Ihre  Pünktlichkeit  in  den  Berechnungen  war  anerkamnr.
Bis  zu  ihrem  77.  Jahre  hat  die  alte  Dame  die  Kalender  besorgt.  Anı  3.  August  1772
wurde  ihr  mitgetheilt.  dass  ihn  die  Akademie  unter  Belassung  des  vollen  Gehalts
ihren  Neffen  bope  —  er  zeichnete  sich  später  als  trefflicher  Astronom  aus  —
beigegeben  habe:  sie  brauche  fortan  nur  so  viel  zu  arbeiten.  als  sie  wolle.  und
solle  Bope  anleiten.  »Wir  können  übrigens  nicht  umlıin,«  schreiben  die  Directoren,
  »der  Mademoiselle  Kırcu  darüber  Glück  zu  wünschen,  dass  diese  Saelıe
denjenigen  glücklichen  Ausgang  genommen.  den  wir  uns  in  Betrachtung  der  von
den  beiden  Ilrıı.  Kırcuen  und  besonders  anclı  von  der  Mademoiselle  Kırca  uns  seit
hundert  Jahren  geleisteten  guten  Dienste  vorsetzen  ınussten«  (Akademisches  Archiv).

”  Siehe  (Euvres  T.  20  p.  XI.  p.1ı7  ff.

°  In  der  Sitzung  vom  26.  April  1771  war  der  König  von  Schweden  zugegen
und  besichtigte  auch  das  Naturaliencabinet.  »Es  wurde  ihn  ein  Wurm  gezeigt,
der  lebend  aus  dem  Augapfel  eines  tartarischen  Pferdes  genommen  war.«  XNochıh
immer  sollten  die  Naturforscher  »Curiositäten«  sehen  lassen.  Am  24.  Juli  1776
wurde  auf  Befehl  des  Königs  eine  ausserordentliche  Sitzung  gehalten,  um  einen
russischen  Grossfürsten  zu  empfangen,

*  Vergl.  den  Brief  an  vD’ÄLemBerRtr  vom  7.  Jaunar  1768  und  dessen  Antwort
vom  29.  Januar  ((Euvres  T.  24  pP.  429fl.).  Dieses  Eloge  ist  nicht  in  den  Memoires
erschienen  (s.  (kuvres  T.  VI  p.  X.  p.  37  ff.).