Full text : Lehrbuch des Deutschen Verwaltungsrechts.

744  II.  Thätigkeit  der  Verwaltung.

behörde  die  Errichtung  von  sog.  Simultan=  oder  paritätischen  Schulen.
und  die  Umwandlung  von  Konfessionsschulen  in  solche  gestatten.?)  In  dem
ehemaligen  Nassau  und  in  Baden  haben  alle  Volksschulen  gesetzlich  den
Charakter  von  Simultanschulen,:)  während  in  dem  Großherzogthum  Hessen
die  Simultanschulen  zwar  gesetzlich  die  Regel  bilden  sollen,  die  vorhandenen
konfessionellen  Schulen  aber  solange  bestehen  bleiben,  als  nicht  von  der  politischen
  Gemeinde  und  den  Schulvorständen  der  betheiligten  Konfessionsgemeinden
  die  Vereinigung  zu  gemeinsamen  Schulen  beschlossen  wird.  )

II.  Da,  wo  die  Schullast  der  politischen  Gemeinde  obliegt,  sind  die
Schulen  Gemeindeanstalten,  deren  Herstellungs=  und  Unterhaltungskosten
von  der  Gemeinde  aufzubringen  sind,  soweit  nicht  besondere  hierfür  bestimmte
  Stiftungen  vorhanden  sind.  )  —  Besondere  Schulgemeinden  be- 



1)  Simultan=  oder  paritätische  Schulen  sind  solche,  in  welchen  prinzipiell  Lehrer  und  Schüler
aller  Bekenntnisse  Anstellung  und  Aufnahme  finden,  an  welchen  aber  der  Religionsunterricht  für  die
Schüler  eines  jeden  Bekenntnisses  getrennt  durch  Lehrer,  welche  der  betreffenden  Konfession  angehören,
  ertheilt  wird.  Hiervon  ist  wohl  zu  unterscheiden  die  sog.  Kommunalschule,  in  welcher  der
Unterricht  ausschließlich  auf  weltliche  Unterrichtsgegenstände  beschränkt  ist,  während  die  Ertheilung
des  Religionsunterrichts  den  Kirchengemeinschaften  überlassen  und  die  Theilnahme  an  demselben
nicht  durch  Staatsgesetz  vorgeschrieben  ist.  Das  System  der  Kommunalschule  existirt  in  Deutschland
  nicht.

2)  Das  Preuß.  Allg.  2  R.  enthält  über  den  konfessionellen  Charalter  der  Volksschulen  keine
ausdrückliche  Bestimmung,  aber  es  hat  auch  den  damals  bestehenden  Zustand,  nach  welchem  die
Volkeschulen  einen  konfessionellen  Charakter  tragen,  nicht  abgeändert  und  die  Fortdauer  desselben
in  II.  12,  §  30  ausdrücklich  für  zulässig  erklärt.  Da  nach  der  Instruktion  v.  30.  Okt.  1817,  §5  18
den  Regierungen  die  Aussicht  und  Verwaltung  des  gesammten  Elementarschulwesens  und  insbes.  die
Befugnis.  Schulsozietäten  einzurichten  und  zu  vertheilen,  übertragen  ward,  so  haben  hiernach  auch
die  Regierungen  das  Recht,  da,  wo  sie  es  für  nothwendig  erachten,  die  Errichtung  von  Konfessions.
schulen  vorzuschreiben,  sowie  die  Vereinigung  von  konfessionell  getrennten  Schulsozietäten  zu  gemischten
  und  die  Errichtung  von  Simultanschulen  anzuordnen.  Die  Verwaltungspraxis  hat  mehrfach
gewechselt  und  hat  die  Umwandlung  von  Konfessionsschulen  in  Simultanschulen  bald  zu  befördern.
bald  zu  hindern  gesucht.  Vgl.  Gneist,  Die  Konfessionelle  Schule.  19369;  Derselbe,  Die  Simultanschule.
  1880.  Siehe  ferner  Geschichtliche  Darstellung  des  Verfahrens  der  Preuß.  Unterrichts.
verwaltung  bei  Einrichtung  der  Volksschulen  u.  s.  w.  (unter  Benutzung  der  Alkten  des  Ministeriums
1878.  —  Gegen  die  Schrist  von  Gneist  ist  gerichtet  Claisen,  De  schols  confessionali  jure
Borussico  probata  (Bonnse  1870).  —  Elsaß--Lothr.,  Ges.  v.  15.  März  1850,  Art.  15.
§  5.  —  In  Bayern  sollen  nach  der  V.  v.  26.  Aug.  1883  die  Volksschulen  in  der  Regel  konfessionelle
  sein.  Nur  ausnahmsweise,  wenn  zwingende  Gründe  vorliegen,  können  auf  Antrag  der
Gemeindebehörde  und  nach  eingeholtem  Gutachten  der  kirchlichen  Oberbehörden  klonfessionelle  Schulen
in  konfessionell  gemischte  umgewandelt  werden.  Gegen  den  Beschluß  der  Kreisregierung  konn  sowohl
von  den  Betheiligten  wie  von  der  kirchlichen  Oberbehörde  Beschwerde  an  das  Ministerium  eingelegt
werden  (5  7,  14).

3)  Nassau.  Schuledikt  von  1817,  §  12;  Baden,  56.  24  a  (nach  dem  Ges.  v.  18.  Sept.
1876.  Art.  1.  III).  Doch  ist  nach  beiden  Gesetzen  bei  Besetzung  der  Lehrstellen  auf  das  religiöse
Bekenntmis  der  Schulkinder  thunlichst  Rücksicht  zu  nehmen.  Wenn  die  Kinder  verschiedenen  Bekenntnissen
  angehören  und  die  Schule  mit  mehreren  Lehrern  besetzt  ist,  so  soll  ein  Lehrer  dem  Bekenntnis
der  Minderheit  angehören.

4)  Hessen,  Ges.  v.  1874,  Art.  5,  8,  9.

5)  In  dem  rechtsrhein.  Bavern  besteht  jedoch  die  Bestimmung,  daß  zu  Gemeindeumlagen
für  Schulen,  die  für  Angehörige  einer  Konfession  ausschließlich  bestimmt  sind,  Mitglieder  anderer
Konfessionen  nicht  beizuziehen  sind.  Umlageges.  v.  22.  Juli  1819.  Art.  5;  Gem.  v.  1869.
Art.  206.  —  In  allen  Staaten  wird  den  zur  Tragung  der  Schullast  unvermögenden  Gemeinden
ein  Zuschuß  aus  Staats=  oder  Kreismitteln  gewährt.  Doch  ist  nur  in  Baden  den  Gemeinden  ein