Full text : Die slawischen Siedelungen im Königreich Sachsen mit Erklärung ihrer Namen.

—  30  —

germanisierten  Namen,  so  unterliegen  doch  auch  die  im  jetzigen
wendischen  Sprachgebiete  befindlichen  der  aufgestellten  Forderung,
wennschon  zugegeben  werden  muß,  daß  in  einer  für  den  Forscher
erfreulichen  Weise  die  Wenden  den  Namen  gegenüber  sich  konservativ
verhalten  haben;  aber  nicht  in  jedem  Falle,  auch  sie  haben  ihre
Volksetymologie  zu  üben  nicht  unterlassen.

2.  Andererseits  stellt  sich  die  Thatsache  heraus,  daß  vornehmlich
  die  Kanzlei=  und  Schriftsprache  es  gewesen  ist,  welche  viele
Namensformen  verderbt  hat,  daß  hingegen  im  Volksmunde,  welcher
so  vieles  Alte  fortleben  läßt,  gar  nicht  selten  die  der  ursprünglichen
  näher  kommende  Form  sich  erhalten  hat.  Sonach  wird  auch
den  volkstümlichen  Namensformen  Beachtung  zu  schenken  sein.

3.  Eine  sorgfältige  Berücksichtigung  erheischen  ferner  bei  der
Deutung  eines  Lokalnamens  die  natürlichen  Verhältnisse
des  Ortes  und  dessen  ganze  nächste  Umgebung.  Weil  die
Namengeber  diese  Verhältnisse  und  Zustände  bei  der  Benennung
oft  maßgebend  sein  ließen,  so  muß  auch  die  Erklärung  hierauf  Rücksicht
  nehmen,  und  eine  scheinbar  recht  unbedeutende  Angabe  auf
der  Karte  kann  oft  für  die  Erklärung  bedeutend  werden.  Vielfach
wird  aus  der  Nachbarschaft  Licht  auf  das  Untersuchungsobjekt  geworfen,
  sei  es  daß  ein  entsprechender  oder  sinnverwandter  deutscher
Name,  sei  es  daß  der  Gegensatz  in  der  Nähe  sich  findet,  ein  Umstand,
  der  bisher  viel  zu  sehr  außer  acht  gelassen  worden  ist.

4.  Wo  die  urkundlichen  Formen  entweder  gänzlich  mangeln
oder  zur  Erklärung  nicht  ausreichen,  wo  auch  die  natürlichen  Verhältnisse
  eines  Ortes  zu  wenig  ausdrucksvoll  sind,  als  daß  sie  einen
Schluß  auf  die  Bedeutung  erlaubten,  da  tritt  die  Analogie  bestimmend
  ein.  Wenn  die  Namen  a  und  c  in  der  Form  einander
auffällig  gleichen,  wird  oft  von  dem  sicheren  Etymon  des  ersten,  b,
ein  Schluß  auf  1  gestattet  sein,  oder  a:b=  :  F.

5.  Die  gewissenhafte  Erforschung  der  Namen  ergiebt,  daß  diese
bei  ihrem  Ubertritt  in  die  deutsche  Form  und  ihrer  Weiterentwickelung
  durchaus  nicht  völliger  Willkür  unterworfen  gewesen  sind,
daß  vielmehr  der  Wandel  der  Vokale  und  Konsonanten  sich  mit
einer  leidlichen  Regelmäßigkeit  und  im  Anschluß  an  die  Lautlehre
des  Deutschen  vollzogen  hat,  sodaß  gewisse  mehr  oder  minder  feste

Lautgesetze  sich  aufstellen  lassen,  welchen  Rechnung  getragen
werden  muß.

6.  Da  die  Ortsnamen  wie  die  Sprache  überhaupt  ein  Volk  überallhin
  treu  begleiten,  und  wohin  dieses  auch  den  Fuß  setzt  und  sich  an-