Schian: Der Krieg und der Vatikan
den 22 Mitglieder als Kriegsgefangene in das Konzentrationslager
von Ahmednagar gebracht. 13 andere
in das von Khandale. Gleich den Jesuiten wurden
auch die deutschen Salvatorianer in Assam als
Kriegsgefangene erklärt. Auf Ceylon wurden 17
deutsche Oblaten als Kriegsgefangene in Degatalanja
von der Außenwelt gänzlich abgesperrt und mußten
hier ein Jahr unter den glühenden Sonnenstrahlen in
den Eisenblechbaracken schmachten;zerst Juni1915 wurden
sie nach Australien geschafft und 1916 nach Amerika
entlassen. In den übrigen englischen Kolonialgebieten
scheinen Belästigungen unterblieben zu sein.
Einen schweren Schlag erlitten die französischen
katholischen Missionen in den französischen Kolonien.
Der Mobilisationsbefehl riß tiefe Lücken in
die Reihen der Missionare. Überall stehen die Missionsgemeinden
verwaist, die Neuchristen sind sich
selbst überlassen, die Schulen geschlossen. In allen
französischen Missionen finden wir dasselbe traurige
Bild. Um so größer ist aber der Schaden der katholischen
Missionen, als französische Missionare in
überwiegender Anzahl auch in den übrigen Missionsgebieten
tätig waren. Aus der Ugandamission der
Weißen Väter wurden 46 französische Missionare
ihrem Arbeitsfelde entrissen, aus Abessinien und aus
den Missionen am Nildelta 43, aus dem der Pariser
Missionsgesellschaft anvertrauten Japan 60, aus Korea
im nördlichen Vikariat Söul 14 Patres, in der
Südmission Taiku der apostolische Vikar selbst mit den
meisten seiner Missionare. Das chinesische Arbeitsfeld
büßte nicht weniger als 300 Mitssionspriester ein, Siam
und Malakka 25, die Erzdiözese Pondichery 14 Missionare.
Geradezu verhängnisvoll wurde der Weltkrieg
aber der katholischen Mission im Orient, wo 164 französische
Missionare an einem Tage das Missionsfeld
verließen. Um so unbegreiflicher ist es, wie die Mehrzahl
der einberufenen Missionsleute mit hellem Jubel
ihre Missionen verlassen konnten, um unter die französischen
Fahnen zu eilen.
Noch unheilvoller und nachhalliger sind aber die
Wunden, die der Weltkrieg dem heimatlichen Mis.
sionsleden geschlagen hat. Geradejene Länder, welche
die Hauptlasten der Missionspflicht an Berufen und
an materieller Unterstützung bisher trugen, sehen wir
in den Kampf verwickelt. Die zahlreichen katholischen
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Missionshäuser in Deutschland sind in Lazarette umewandelt.
Die studierende Jungmannschaft und die
zrüder sind zu den Waffen einberufen, die übrigen
Missionskräfte stehen meist im Dienste des Roten
Kreuzes und der Malteser. Auch die katholische Mission
hat ihre Blutsteuer entrichten müssen. Am 1. Januar
1917 standen im Dienste des Vaterlandes 4129
Missionsleute (623 Patres, 1757 Alumnen, 1749
Brüder). Gefallen waren 361, verwundet 613, vermißt
oder gefangen 134. Mit dem Eisernen Kreuze
ausgezeichnet wurden 463 Mitglieder (andere Auszeichnungen
366). In 30 Missionshäusern wurden
bisher etwa 35 444 Verwundete gepflegt. Freudigen
Herzens erfüllt die katholische Mission ihre Pflicht am
deutschen Vaterlande, wo sich in dem letzten Jahrzehnt
ein so kräftiges heimatliches Missionsleben entwickeln
konnte. Die Anzahl der Missionsberufe hatte
sich zusehends vermehrt, die Missionsvereine zur materiellen
Unterstützung warenlebenskräftig organisiert,
der Missionsgedanke war volkstümlich geworden.
Auf alle diese Bestrebungen hat sich der Krieg wie ein
Frost gelegt. Was wird uns die Zukunft bringen?
Das eine ist gewiß: Geht Deutschland siegreich aus
dem blutigen Völkerringen hervor — und das hoffen
und erflehen wir —, dann wird es vor neuen, großen
kolonialen Aufgaben und mithin vor neuen, großen
Missionsaufgaben stehen; dann wird die Missionsfrage
eine der brennendsten Fragen des Tages sein.
Literatur. Hüttche, S. V. D., Katholische Missionsstimmen
aus den neutralen Ländern (2Zeitschr. f. Missions-=wissenschaft-,
V, 261/268) und Katholische Missionsstimmen
aus den kriegführenden Ländern (ebenda V, 177/190,;
Schmidlin, Diechriftliche Weltmission im Weltkriege2. Aufl.,
M.-Gladbach 1917); Derselbe, Die Missionen im gegenwärtigen
Weltkrieg (vierteljährliche Rundschauen in „Zeitschr. f.
Missionswissenschaft-); Schwager, S. V.D., Weltkrieg und
Weltmission (in = Theologie und Glaubee, VII, 37/42); Derselbe,
Bemerkungen zum Missionsartikel des französischen
Buches -La Guerre allemande et le Catholicisme
(ebenda VII, 579/582); Weber, Erzabt, O. S. B., Der
Krieg und die Mission /2Zeitschr. f. Missionswissenschafte, V,
1/9); Derselbe, Am Scheidewege. Nationalpolitische Bedeutung
der Mission lin -Hochland-, XII, 10•27); -Weltkrieg
und Welimissione (in -Katholische Missionen-, 43,
25°29; 145/148: 241.244). Ausführliches Literaturverzeichnis
von Rob. Streit, O. M. I., in #2Zeitschr. f. Missions
wissenschafte (Jahrg. IV—VII).
Der Krieg und der Vatillan!
von Professor Dr. Martin Schian in Gießen
Papst Pius X. mußte, neunundsiebzigjährig, noch
den Ausbruch des Weltkrieges erleben; es ist wohl
möglich, daß dieses Ereignis seinen Tod (20. August
1914) beschleunigt hat. Das Konklave, in dem trotz
des Krieges nur acht Kardinäle fehlten, wählte zu
seinem Nachfolger einen früheren Mitarbeiter Rampollas.
Giacomo della Chiese, der als Benedikt XV.
den päpstlichen Stuhl bestieg. Zu seinem Staatssekretär
berief der neue Papst den diplomatisch erfahrenen
Kardinal Gasparri, früher Professor des Kirchenrechts
am Katholischen Institut in Paris. Es
ergab sich von selbst, daß die Tätigkeit des neuen
Papstes, soweit sie der weiteren Offentlichkeit bekannt
wurde, zum allergrößten Teil durch den Krieg be-1
Abgeschlossen Mitte Jull 1917.
stimmt wurde. Schon seine erste Kundgebung (8. September
1914) war eine Ermahnung zum Frieden.
Die Enzyklika, mit der er feierlich den Pontifikat
antrat (1. November 1914), erörterte den gesamten
Zustand der Kirche, wandte sich auch scharf
gegen den Modernismus und erneuerte den Ausdruck
des Bedauerns darüber, daß der Papst infolge
der Aufhebung des Kirchenstaats des zur völligen
Freiheit nötigen Rückhalts entbehre; sie beschäftigte
sich aber auch mit dem Krieg und seinen moralischen
Ursachen; dabei betonte sie, es sei Pflicht des Papstes,
die Herrscher zu ersuchen, Streitigkeiten anders als
mit den Wafsfen zu erledigen. Weiter wandte sich
Benedikt XV. vertraulich an die Regierungen der
kriegführenden Länder mit der Bitte, wenigstens am
Weihnachtstage 1914 die Waffen ruhen zu lassen;
damit solle cinerseits Christo, dem Friedefürsten, eine
Huldigung gebracht, anderseits der Menschlichkeit
gegen die Familien der Kämpfenden genügt werden.