204 Lyon: Der deutsche Unterricht.
Gestaltung seiner Unterrichtsstunde, der eine vielfältige Umwandlung, Verkürzung,
Verwerfung, Ergänzung und Widerlegung erfährt.')
Ebenso ist eine Beschäftigung mit der Kunstform?) unerläßlich. Schon
in ihren Tonverhältnissen bietet die deutsche Sprache so Mannigfaltiges und
Wichtiges, daß eine eingehendere Behandlung der deutschen Betonungslehre
unerläßlich ist. Man darf sich nicht, wie es so häufig geschieht, mit der nichtssagenden
und noch dazu ungenauen Bestimmung begnügen, daß im Deutschen
der Ton auf der Stammsilbe ruhe. Vielmehr ist von der indogermanischen
Betonung auszugehen, wie diese völlig frei war und auf jede Silbe treten konnte,
und wie sie ferner innerhalb desselben Wortes von einer Silbe auf die andere
überzugehen vermochte. Von dieser völlig freien Beweglichkeit des Tones geht
man dann zu dessen Einschränkung auf die drei letzten Silben im Griechischen
und Lateinischen, auf das sogenannte Dreisilbengesetz über. Dann zeigt man
den durchgreifenden Unterschied zwischen den germanischen und den älteren
indogermanischen Sprachen, der darin besteht, daß sich im Germanischen der
Ton fest mit einer Silbe verbunden hat, und daß er, im schroffen Gegensatz
zum Griechisch-Lateinischen, auf den ersten Teile eines Wortes ruht, der
im einfachen Worte gewöhnlich die Stammsilbe (z. B. Väter), im zusammengesetzten
das Bestimmungswort ist (z. B. Häusvater). Daran schließt sich
dann eine Darlegung, wie diese allgemeine Regel allmählich durchbrochen
wurde, indem die bedeutungslosen Vorsilben, mit denen die Verben zusammengesetzt
wurden, die Verbalpartikeln ge, be, er, ver, zer und ent, den Ton an die
Stammsilbe abgaben (gelangen, bewundern, erhälten usw.), und wie dieser Vorgang
von der Verbalkomposition auf die entsprechenden Gebilde der Nominalkomposition
überging (z. B. Gebürt, Bewöis, Zerfall usw.), während die inhaltsreichen
Adverbien auch in der Verbalzusammensetzung ihren Ton festhielten
(z. B. abgehen, aufstehen, Abgang, Aufstand usw.), mit Ausnahme der
Adverbien wider, wieder, durch, hinter, unter, über, um und voll, die in untrennbarer
Zusammensetzung, aber nur in dieser, ihren Ton wie bedeutungslose
Partikeln an die Stammsilbe abgaben (unterhalten, übersetzen, durchwandern
usw... Zu köstlichen Betrachtungen der verschiedensten Art bietet dann die
1) Vgl. zu dem Gesagten meinen Aufsatz “Schillergedächtnis und Schule’ (ZDU. XIX,
S. 209 ff.), in dem die angeregten Gedanken im einzelnen erörtert werden.
», Vgl. Karl Groos, Der ästhetische Genuß, Gießen 1902 ff. — Wilhelm Bölsche,
Die naturwissenschaftlichen Grundlagen der Poesie. — Karl Bücher, Arbeit und Rhythmus,
Leipzig 1902. — O. Lyon, Das Pathos der Resonanz, eine Philosophie der modernen Kunst
und des modernen Lebens, Leipzig 1900. — Heinrich Bulthaupt, Dramaturgie des Schauspiele,
4 Bde., Oldenburg 1896—1902. — Karl Borinski, Deutsche Poetik, Sammlung
Göschen Nr. 40. — Joh. Volkelt, Ästhetik des Tragischen, München 1897. — Alfred
Biese, Philosophie des Metaphorischen, Hamburg 1893. — OÖ. Lyon, Poetik (Handbuch der
deutschen Sprache I). — OÖ. Lange, Deutsche Poetik, Berlin 1900. — Jakob Minor,
Neuhochdeutsche Metrik, Straßburg 1900. — Eugen Wolff, Poctik, Leipzig und Oldenburg
1899. — O. Lyon, Deutsche Dichter des 19. Jahrhunderts. Ästhetische Erläuterungen
für Schule und Haus, Leipzig, B. G. Teubner (bisher 22 Bändchen von Vogel, Adolf Matthias,
Theodor Matthias, Fürst, Sahr, Robert Petsch, Ladendorf u. a.). — H. Unbescheid, Beiträge
zur Behandlung der dramatischen Lektüre.